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Broken Flowers

USA 2005. R,B: Jim Jarmusch. K: Frederick Elmes. S: Jay Rabinowitz. P: Five Roses. D: Bill Murray, Jeffrey Wright, Sharon Stone, Frances Conroy, Jessica Lange, Tilda Swinton u.a.
105 Min. Tobis ab 8.9.05

Aufbruch in die Gegenwart

Von Jutta Klocke »Die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft ist noch nicht hier. Daher, denke ich, gibt es nur das Jetzt.« Dieser am Ende selbst formulierten Erkenntnis muß der einstige Frauenheld und Lebemann Don Johnston früher einmal gefolgt sein. Irgendwann aber auf dem Weg zum Heute, zum Dasein des gealterten Junggesellen und wohlhabenden Frührentners, ist sie ihm abhanden gekommen. Das Jetzt hat sich verengt auf die verdunkelten, leblosen Räume eines Eigenheims, dessen schicke Sterilität die innere Leere seines Besitzers schon erahnen läßt. In seiner stoischen Lethargie fügt sich Don wie ein weiterer Einrichtungsgegenstand in den ihn umgebenden Stillstand. Zum Fremdkörper wird er einzig durch den schlabberigen Trainingsanzug, der so gar nicht zum kühlen Ambiente passen will.

Aber der Eindruck seines Auftretens ist dem Phlegmatiker längst so egal geworden wie überhaupt ein Austausch mit der Außenwelt. Die junge französische Freundin verläßt den Kokon des Lebensmüden und verschwindet in eine Zukunft, die Don ebensowenig berührt wie die eigene Gegenwart. Bewegung findet nur um ihn herum statt. Er selbst bleibt teilnahmslos – ein Leben nicht im Fluß, sondern im Zustand. Das ändert sich erst, als ihn die abgeschlossen geglaubte Vergangenheit in Form eines Briefes einholt, in dem ihm eine anonyme Ex-Liebhaberin die Existenz eines gemeinsamen 19jährigen Sohnes eröffnet. Wie weit Don sich innerlich von der Außenwelt entfernt hat, wird schon allein an der Länge der Eingangssequenz ersichtlich, die den Weg des rosa Umschlags vom Wurf in den Briefkasten bis zur Ankunft bei seinem Empfänger verfolgt. Daß sich der Sohn auf die Suche nach dem unbekannten Vater gemacht hat, löst endlich auch in Don eine Reaktion aus. Im Aus- und Aufbrechen ungeübt, nimmt er die organisatorische Hilfe seines detektivisch ambitionierten Nachbarn an, um alle in Frage kommenden Mütter zu besuchen und so seinerseits den neugewonnenen Sprößling zu finden.

Mit Johnston schickt Regisseur und Drehbuchautor Jim Jarmusch einen weiteren am Rand des Lebens Gestrandeten auf die Reise. Wie in seinen vorangegangenen Filmen bleiben auch hier die Begegnungen flüchtig und episodisch. Die Geschichte des Helden wird nicht ausformuliert – wann und warum der Stillstand einsetzte oder welcher Natur die einzelnen Liebesaffären waren, bleibt unerzählt. Nur Andeutungen, Dialogpartikel lassen erahnen, daß Don früher einmal nicht nur mit der Außenwelt verbunden, sondern ein Teil von ihr war. Jetzt ist er nur noch Beobachter; die auf jeweils ganz eigene Weise bizarren Zusammenkünfte mit den Ex-Freundinnen nimmt er weniger als agierender Protagonist, sondern vielmehr als unbeteiligter, wenn auch nicht mehr gänzlich teilnahmsloser Zuschauer wahr. Selbst in seinem aktivsten »Auftritt« bei der Witwe eines Autorennfahrers und ihrer frühreifen Tochter bleibt er doch nur Statist in dem erotischen Spiel der beiden Damen.

So wie die einzelnen Begegnungen im Augenblick verhaftet bleiben, nicht in den »guten alten Zeiten« schwelgen und keine Verheißungen für die Zukunft anbieten, ist auch der Film selbst eine lockere Aneinanderreihung von Momentaufnahmen, die es dem Zuschauer überläßt, Antworten zu finden darüber, was war und was wird. Die Inszenierung von Dons Geschichte greift also genau das Prinzip des Lebens im Hier und Jetzt auf, das er selbst erst nach seiner Heimkehr langsam als das einzig sinnstiftende begreift.

Für den Helden führt die Suche nicht nur hinaus zu den anderen, sondern vor allem zurück zum verlorengegangenen Ich. Und so bleibt der Fokus während der Besuche auch immer auf ihn gerichtet; die Kamera beobachtet den Beobachter. Und sie gibt damit ein tragikomisches Detail preis. Angesichts all der auf verschiedenste Weise gescheiterten Existenzen schleichen sich fast unmerklich Verblüffung und mitfühlendes Bedauern in Dons bemüht ausdruckslos gehaltene Miene – Bill Murray schafft es in dieser Rolle tatsächlich, seinen in Lost in Translation dargebotenen Mimikminimalismus noch zu übertreffen und darin doch alle inneren Facetten seiner Figur widerzuspiegeln. Aber wie grotesk das gegenwärtige Leben der früheren Freundinnen sich Don auch präsentieren mag – und zuweilen bewegt sich die Absurdität durchaus nah an der Grenze zur Karikatur: Würden die Frauen im Gegenzug vor seiner Haustür stehen, böte sich ihnen kein schmeichelhafteres und erst recht kein optimistischeres Bild.

Daß die Vergangenheit vorbei ist und kein Hinüberretten in die Gegenwart möglich, hat Johnston am Ende seiner Reise gelernt. Eine leise Wehmut ob all der verpaßten Chancen ist zu spüren, mehr aber noch der Wille, wieder einen Fuß in die Außenwelt zu setzen. Und die öffnet sich ihm nicht in den aufgefrischten alten Bekanntschaften, sondern in den Begegnungen mit den neuen Gesichtern der Gegenwart. Und genau dort, im Hier und Jetzt, verläßt Jarmusch seinen Protagonisten dann auch, ganz gemäß des von ihm gewählten Erzählprinzips. »Die Zukunft ist noch nicht hier« – Don hat also genügend Zeit, sich selbst und den Weg zurück ins Leben zu finden. 1970-01-01 01:00

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