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Brinkmanns Zorn

D 2006. R,B,S: Harald Bergmann. K: Elfi Mikesch. P: Harald Bergmann Film. D: Eckhard Rhode, Alexandra Finder, Martin Kurz u.a.
105 Min. Neue Visionen ab 11.1.07

Die Bilder sprechen Bänder

Von Sascha Seiler Als letztes Jahr die Archive Rolf Dieter Brinkmanns endlich freigegeben wurden, konnte man sich über eine 5-CD-Box freuen, auf denen die gesammelten Tonbandaufnahmen des Schriftstellers versammelt waren und die tiefe Einblicke bot. In was? Nun, Brinkmann hatte ja Ende der 1960er Jahre mit der Literatur abgeschlossen, wie er im »Interview« mit seiner armen Frau Maleen bekennt. Literatur interessierte ihn eben nicht mehr. Verlage interessierten ihn nicht mehr. War das jemals anders gewesen, fragt man sich da? Immerhin hatte Brinkmann die deutsche Literatur revolutioniert wie vielleicht kein zweiter Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg, er hatte versucht, durch die Rezeption amerikanischer Kulturästhetik den Staub von den Büchern zu wischen, was ihm in erstaunlich kurzer Zeit gelungen ist. Zwischen 1966 und 1969 erschienen dann zahlreiche Anthologien, Gedichtbände, Erzählungen, gar ein Roman, und dann hatte er eben keine Lust mehr. Oder der Literaturbetrieb hatte keine Lust mehr auf ihn. Daß Brinkmann eine unfaßbare Nervensäge war, beweisen besagte Bänder und erst recht dieser Film.

Noch einmal zurück. Wieso eigentlich hat Brinkmann angefangen, sich seinen schmierigen Trenchcoat anzuziehen und durch die Straßen des für ihn ekelhaften, vermoderten Kölns zu ziehen, bewaffnet mit einem recht großen Tonbandgerät und einem riesigen Mikrophon? Und dieses manchmal Leuten oder Hunden, meistens aber sich selbst unter die Nase zu halten und komisches Zeug vor sich hin zu reden? Die Dokumentation der Gegenwart. Das absolute Jetzt. Das ungefilterte Erfassen der Welt. Darum ging es ihm in seiner Lyrik, darum geht es ihm später bei seinen Aufnahmen.

Doch Brinkmann machte in den eigenen vier Wänden nicht halt vor der Aufnahmemanie. Seine wirklich arg strapazierte Frau und sein nicht minder strapaziertes, geistig behindertes Kind müssen den Wüterich und seine Tonbänder ertragen, anscheinend Tag und Nacht. Lieblingsszene:

»Maleen, was machst du da? Was machst du da?«
»Ich backe.«
»Was bäckst du da? Los sag' schon, sag' schon!«
»Ich backe einen Kuchen.«
»Was für einen Kuchen? Los, sag' schon!«
Dann erklärt sie ihm kurz, daß der Kuchen eingefallen ist, was Brinkmann nicht recht versteht.
»Wieso? Wieso ist der eingefallen? Los, sag' schon?«

Noch großartiger das eingangs erwähnte Interview, das Maleen sichtlich genervt mit ihm führen soll und ihn fragen muß, welche Bücher ihm etwas bedeuten. Wie von der Tarantel gestochen fährt es aus ihm heraus: »Keine! Es gibt keine großen Werke. Es gibt keine großen Werke. Es gibt KEIN Werk, das ich als groß bezeichnen würde!« Und ist nahe dran zu sagen: »Warum fragst du so einen Scheiß«, unterläßt es aber, wohl wissend, daß seine arme Frau nur das fragt, was Brinkmann ihr vorher diktiert hat.

Was das alles mit Harald Bergmanns Film zu tun hat? Das ist Harald Bergmanns Film. Der läßt nämlich die Tonbänder laufen und ein paar Schauspieler dazu das nachstellen, was man sich als Bild zum Ton aus dem Wissen um Brinkmann eh vorstellen kann. Die Akteure sehen ihren Vorbildern auch wirklich ähnlich, und die Lippenbewegungen sind sehr gut koordiniert, so daß es gar keine Unterschied mehr macht, ob das nun echte Bildaufnahmen (ein paar davon gibt es auch) sind oder nicht. Also eher ein bebildertes Hörspiel. Aber wer hätte schon gewollt, daß da irgendjemand des Dichters Leben in TV-Movie-Biopic-Ästhetik nachspielt? Bergmann zeigt uns Brinkmann wie er wirklich war, da wird nichts interpretiert, denn alles ist ja dokumentiert, im Klang, in den Worten. Das war's.

Sogar die legendäre Szene kommt vor, als Brinkmann vor einem Spießer stehen bleibt und dessen Hunden aggressiv sein Mikro unter die Schnauze hält. »Die Tiere sind unruhig! Lassen Sie das! Die Tiere sind unruhig!« Ein Satz mit Nachhall. Erstens verarbeitete ihn Brinkmann zu einem seiner besten Gedichte um, denn 1974 schrieb er doch noch einen letzten Gedichtband, bevor ihn in London ein Auto überfuhr, und dieser, »Westwärts 1&2« wurde zum wahren Vermächtnis des Lyrikers, zu seinem Meisterwerk. Und natürlich inspirierte der Spruch auch Peter Thiessen von der Hamburger Band Kante zum Titel des fabelhaften Albums »Die Tiere sind unruhig«, das vor einem halben Jahr erschien.

2006 war definitiv das Brinkmann-Jahr. Und deswegen noch eine Anekdote zum Schluß: Brinkmann filmte ja auch gerne auf Super8, und man sagt sich, er habe sich dann gerne beim Masturbieren gefilmt und seine Kumpel daraufhin zum Videoabend eingeladen. Wahre Kunst. 1970-01-01 01:00

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