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Bringing Out the Dead

USA 1999. R: Martin Scorsese. B: Paul Schrader. K: Robert Richardson. S: Thelma Schoonmaker. M: Elmer Bernstein. P: Scott Rudin, Barbara de Fina. D: Nicolas Cage, Patricia Arquette, John Goodman, Ving Rhames u.a.
Buena Vista ab 4.5.00
Von Rüdiger Suchsland Nur Musik kann noch helfen. Wenn Frank sich in seinen Krankenwagen setzt, will er das Radio einschalten, aber das darf er nicht, denn dann kann man die Funkansagen der Zentrale nicht mehr verstehen. Dabei rettet Musik sogar Leben: »Spielen Sie etwas, was er mochte. Vielleicht kann das helfen«, rät er den Angehörigen, als er wieder einmal zu spät kommt, um das Leben eines Patienten noch zu retten. Und manchmal geschieht ein Wunder, das Wunder der Auferstehung…

Bringing Out the Dead, die vierte Zusammenarbeit von Drehbuchautor Paul Schrader mit Regisseur Martin Scorsese, ist voll von religiösen Metaphern. Mehr als einmal werden die Zuschauer Zeugen, wie Tote wieder zum Leben erweckt und Gebete erhört werden, wie so oder so Menschen wiederauferstehen. Man erlebt eine Kreuzigung und sieht eine Pièta. Frauen heißen Rose oder Mary. Und die Zeitspanne des Films – von Donnerstagabend bis Sonntagmorgen – ist österlich.

Drei Tage, nein, drei Nächte im Leben von Frank Pierce, einem Rettungssanitäter im Dickicht der Großstadt Manhattans. Scorsese ist zurückgekehrt in die Viertel von Mean Streets und Taxi Driver. Auf der Straße herrscht der Wahnsinn einer Hölle auf Erden, ihre Ränder sind bevölkert von Junkies, Pennern, Prostituierten und anderen Hoffnungslosen. Rettung ist hier nur eine Täuschung auf Zeit, seinem eigentlichen Schicksal – der Isolation als zentraler und unvermeidlicher Grunderfahrung des Lebens – entgeht niemand.

Frank ist ein Heiliger. Seine Verdrängungsmechanismen funktionieren nicht, er bleibt berührbar und wird verfolgt von den Geistern jener, die er nicht retten konnte. Um noch Angst zu haben, darüber ist er in seiner Verlorenheit weit hinaus. In dem Grundgefühl, irgendwann einfach Schluß machen zu wollen, und seine Alpträume einfach zu beenden, ist dieser Frank Pierce ein naher Verwandter des Travis Bickle, sein Bruder im Geiste.

Mit all diesen Charakteren und Atmosphären wirkt Bringing Out the Dead, dessen Geschichte – nach dem gleichnamigen Roman von Joe Connelly – im Jahr 1992 angesiedelt ist, wie eine Rückkehr in Scorseses düstere Welt der 70er. Eine transzendentale Reise in die urbane Depression und kalte Einsamkeit der Großstadtnacht.

Was den Film trotz drastischer Erlebnisse und seinem Grundton der Hoffnungslosigkeit, der über Film noir-Melancholien weit hinausgeht, zu einem zeitgemäßen Stück Kino macht, ist aber seine Kamera: experimentell, suggestiv und wunderbar sind die Bilder, voller Tempowechsel, extremer Beschleunigung und Verlangsamung, plötzlicher Schwenks und schraubender Fahrten. Anders als in früheren Filmen Scorseses wird hier eine Intensität erzeugt, die keine Distanz mehr kennt, die zum Zuschauen zwingt, auch da, wo einer lieber wegsehen möchte. Es sind diese Bilder, die der gelegentlich moralisierenden, aber immer berührenden Anklage gegen Amerika einen Kontrapunkt aus bitterem Humor entgegensetzen, einen Sarkasmus, der in erster Linie zum Schutzschild wird vor der alltäglichen Katastrophe.

So hat es Frank seinem Regisseur zu verdanken, daß es am Ende nicht wie bei Travis zum Amoklauf kommen muß, den die Situation suggeriert. Bringing Out the Dead ist lebensweise – es wird einfach so weitergehen, und wie Frank werden wir alle standhalten. Keine blendenden Aussichten, aber ein großartiger Film. 1970-01-01 01:00

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