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Brennen im Wind

Brucio nel vento. I/CH 2001. R,B: Silvio Soldini. B: Doriana Leondeff. K: Luca Bigazzi. S: Carlotta Cristinai. M: Giovanni Venosta. P: Vega Film. D: Ivan Franek, Barbara Lukesova, Ctirad Gotz, Caroline Baehr, Cécile Pallas u.a.
118 Min. Prokino ab 22.8.02

Europäische Enttäuschung

Von Dietrich Brüggemann In Zeiten, in denen die europäische Kinolandschaft gänzlich von amerikanischen Mainstream-Produktionen beherrscht wird und der kümmerliche Rest, der für heimische Filme bleibt, einerseits auf geistlose Hollywood-Imitate und andererseits auf niveaulose Blödeleien entfällt – in solchen Zeiten freut man sich aufrichtig über jeden europäischen Film, der zu einer eigenen Sprache findet und doch nicht den Anschluß ans Publikum verliert, der mit einer eigenständigen Sichtweise unterhält, begeistert, verstört und bewegt, der vielleicht auch noch den Sprung über nationale Barrieren schafft und zu einem europäischen Erfolg wird. Man freut sich, feiert ihn und sagt es weiter.

Ein solcher Film ist Silvio Soldini gelungen, eine wunderbare, warmherzig erzählte Geschichte voller Überraschungen und fein beobachteter Details fern aller Klischees, eine Alltagsballade über echte Menschen, deren Leben einen Zug ins Traumhafte bekommt. Brot und Tulpen hieß der Film, von dem hier nicht weiter die Rede sein kann, denn jetzt kommt Soldinis neues Werk, Brucio nel Vento, indem er all das, was ihm in Brot und Tulpen so geglückt war, zielsicher in den Sand setzt und vergeigt, anders kann man es leider nicht sagen. Es geht um einen jungen Mann, der als Fabrikarbeiter in einem fremden Land arbeitet, nach Feierabend Gedichte schreibt, von seiner unerreichbaren Liebe träumt, die eines Tages in sein Leben tritt.

Klingt ganz nett? Ist es leider nicht, es ist tödlich langweilig, schlimmer noch, es ist ein Film von der Sorte, bei der man sich schon im Kino mit zusammengebissenen Zähnen die fiesesten Formulierungen für einen saftigen Verriß zurechtlegt. Hier die Ergebnisse:

Bräuchte jemand ein Rezept für den überraschungslosen, nach standardisierten Strickmustern zusammengeschusterten europäischen Festival-Arthouse-Kunstfilm, aus diesem Film ließe es sich mühelos extrahieren. Man nehme einen unattraktiven Protagonisten mit abstruser Biographie und seltsamen Problemen, der kaum etwas sagt, dafür aber unablässig aus dem Off die Geschehnisse kommentiert. Man nehme keine Handlung, entferne alle Konstellationen und Situationen, die so etwas wie dramatische Zuspitzung vermuten lassen, und füge stattdessen gelegentliche sinnlose und schlecht motivierte Gewaltakte ein. Man erhebe die Langeweile zum Prinzip und entkleide sie ihrer einzigen Legitimation, der Ästhetik, so daß sie sich dem Zuschauer ganz nackt offenbart. Die dazugehörige Musik sollte in der bewährten Mischung aus zwei Dritteln Harmonie und einem Drittel pseudomoderner Kuschel-Dissonanzen auf einem selbstgefälligen Cello erklingen und zwar deutlich öfter als nötig. Dazu bedeutungsvolle Blicke, lautes Ein- und Ausatmen, fertig ist der Film, bei dem die alleinerziehende Waldorfpädagogin in ebenso tiefe Betroffenheit verfallen wird wie der junggebliebene Sozialarbeiter.

Wenn das anspruchsvolle europäische Kunstkino so aussieht, dann ist die Vorherrschaft des amerikanischen Films die gerechte Strafe. Jede kalkulierte Emotion, jede noch so konstruierte Story-Wendung dort ist wahrhaftiger und ehrlicher als in diesem sauren Kitsch. 1970-01-01 01:00
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