— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Breaking the Waves

DK 1996. R,B: Lars von Trier. K: Robby Müller. S: Anders Refn. M: Joachim Holbek. D: Emily Watson, Stellan Skarsgård, Katrin Cartlidge, Jean-Marc Barr, Udo Kier u.a.
158 Min. Pandora ab 3.10.96

Himmelspixels – Lars von Triers Werk und Teufels Beistand

Von Daniel Hermsdorf Der Himmel ist eine große Gegenwart in Lars von Triers Breaking the Waves. Bess (Emily Watson) liebt Jan (Stellan Skarsgård) mit der Inbrunst, die auch ihre Gespräche mit Gott auszeichnet und in denen sie beide Rollen übernimmt. Ihr Glück währt kurz. Jan erleidet während seiner Arbeit auf einer Bohrinsel eine Kopfverletzung, die ihn bis zum Hals hinauf lähmt. Eine Geschichte der Mißverständnisse nimmt am Krankenbett ihren Anfang: Um Bess' Glück nicht zu verhindern, verlangt Jan von ihr, sich anderen Männern zuzuwenden; Bess wiederum folgt seinem Verlangen nur, um seine Krankheit zu mildern.

In der Absolutheit ihrer Gefühle gemahnt Bess an Carl Theodor Dreyers Jeanne d'Arc (1928); auch ihr Kopf steckt bereits in den Wolken, und ihre Unschuld macht ihr Dasein zu einer märtyrerhaften Prüfung. In seiner Ästhetik ist Breaking the Waves eine Fortsetzung des Konzepts von Lars von Triers Geister, ein unmittelbarer Flickenteppich der Wirklichkeit, der lediglich durchbrochen ist von Landschaftsbildern, deren Kitsch die durchgehende digitale Nachbearbeitung intensiviert hat (und die Songs von z.T. schottischen Interpreten wie Jethro Tull und Rod Steward emotional überzeichnen). Für den Regisseur ist dieses souveräne Spiel mit der Elektronik ein machtvoller Eingriff. Du sollst dir ein Bild machen.

Bedeutsam wie die digitale (künstlergöttliche) Manipulation der Bilder sind inhaltlich in von Triers Filmen auch Repräsentanten weltlicher Macht: Die Mediziner in Geister etwa, in engster Tuchfühlung zum fleischlichen Gefäß der kostbaren Seele, halten Fäden in der Hand, müssen bei aller menschenüblichen Unsachlichkeit, Begierde und Anti-Intellektualität der Momententscheidung Körpern den rechten Weg weisen.

Die Karikaturwürdigkeit dieser Wissenschaft ist eine Komponente in von Triers Version eines unglaubwürdigen, gewalttätigen und schlecht gespielten Welttheaters. In Geister ist das Hospital eine verschachtelte Unterminierung der Dichotomie »krank« und »gesund«. Der medizinische Vorgang forciert eher Karrieregelüste (siehe Dr. Bondos Eigenimplantation eines Lebertumors), stimuliert neurotische Bedürfnisentwicklung (etwa bei Boulders Mutter Sigrid Drusse, einer berechnenden Hypochonderin und Spiritistin) oder wird in seiner Bedeutung für den Ausübenden durch libidinöse und monetäre Verlockungen zweitrangig; der Überlegene in diesem Klima ist Stationsarzt Haken, der durch ein Tauschprinzip von Gefallen und kleine Erpressungen die Schwachpunkte aller anderen für sich zu nutzen weiß.

Der zweite Sündenfall nach dem hippokratischen Eid, Dr. Helmers Kunstfehler, ist neben Åge Krugers Kindsmord Grund für die unausgesetzte Gewissensstimme, die Geisterstimme Marys, die Boulders Mutter im Lift wahrnimmt. Dr. Helmer, vormalig professioneller Pedant, greift schließlich auf Voodoo-Zauber zurück, um seinen Widerpart im »Königreich«, den »dänischen Abschaum« Dr. Moesgaard, zu verfluchen.

In Breaking the Waves ist die Ärzteschaft nicht vordringlich Gegenstand von Karikatur; sie steht lediglich hemmend zwischen den Liebenden. Daß Irrtümer hilfreich sein können, muß ihr System leugnen, und die jeweils einleitende Off-Stimme in Geister könnte ebenso für Breaking the Waves firmieren: »Von nun an sollte gemessen und gezählt werden, auf daß nie mehr Aberglaube und Unwissenheit die Bastion der Wissenschaft erschütterte.« Breaking the Waves postuliert – ironisch, nicht satirisch – einen neuen Wunderglauben und führt einen Parallelismus ad absurdum, der für die Aufgeklärten naheliegt: Bess' Postulat »Love is a mighty power« lautet in (Bess' Freundin und Jans Pflegerin) Dodos (Katrin Cartlidge) Mund »Sickness is a mighty power«; so warnt sie Bess vor Jans Vorschlägen des Partnerwechsels. Bess liefert in der Tatsache, daß sie vernünftige Bedenken ignoriert, ihren größten Liebesbeweis und verkörpert so ein Prinzip, das nicht erfolgreich, sondern rein ist.

Die Welt von Triers ist hermetisch; allenfalls zeigt er ein Ankommen. Wie entrinnt der Welteinwanderer dem Komplott seines Exils, in das er ganz unbedarft, aus Nettigkeit geschlittert ist? Dr. Helmers Fahrt nach Haiti in Geister ist durchtränkt mit ironisch-grellem Exotismus und nur eine Bestätigung der entarteten Lebenswelt, dem Krankenhaus. In Breaking the Waves erscheint die schottische Küste als ideale – wiewohl von der Kamera, abgesehen von den Zwischenbildern, vor Kitschgefahr geschützte – Landschaft, die in Richtung Bohrinsel zu verlassen Jan schwerfällt; Bess stürzt Jans Abschied in Verzweiflung.

Dr. Helmer in Geister ist ein Fremder, der sich nur verstricken kann in den schlimmsten Alptraum, den er von der Fremde je hatte (»Was alles muß man hierzulande erdulden, hier im verfluchten Land der Dänen?«). Hier muß sich dieser Zustand fortpflanzen wie das böse Prinzip der Macht in Gestalt Krugers.

Synoptischer Blick, orakelhafte Verkündung, Vorsehung und der Dialog mit überirdischen Mächten sind kultische Verrichtungen. In Geister sind es die beiden spülenden Küchenangestellten, beide am Down-Syndrom erkrankt, die prophezeien, urteilen, über den Dingen und nie in Kontakt mit der übrigen Hospitalbelegschaft stehen. Nichts ist Ausdruck einer religiös verbrämten Behauptung von Gewißheit, alles jedoch Indiz einer Sehnsucht nach dem Vielen, was das eigene Wenige in sich tragen oder entdecken könnte.

Die Erzählform der soap opera und die dekonstruierte Handkamerastilistik von Reality-TV markieren die Pole Irrationalität und behauptete Objektivität, die Charakteristika einer schizoiden Menschheit. Im Zitieren von Inhalt und Form in Geister überzeichnet von Trier wiederum: die soap mit Spottfiguren, komisch-menschelnden Bösewichtern, Verstößen gegen Klischees (bereits in der Darstellung der Ärzteschaft als obskure Geheimloge), die Reality-TV-Handkamera in der Verwirrung willkürlichster Zooms, unnötig vieler Schnitte, destruktiver Achsensprüngen. Breaking the Waves wurde von Robby Müller per Handkamera in Cinemascope abgelichtet, dann auf Video überspielt und schließlich, nach digitaler Bearbeitung, wieder auf Film übertragen.

So kontrastiert eine melodramatische, schwergängige Geschichte mit technisierter Bildbearbeitung, wird Erstarrung (auch die pathologische Jans) gelöst in permanenter Kamerabewegung, der Notwendigkeit für zuschauende Augen, sich nach krassen Perspektivwechseln und unorthodoxen Anschlüssen zurechtfinden – im übrigen eine (ästhetisch) hysterische Variante der Kamera etwa bei John Cassavetes, dessen Minnie & Moscovitz (1971) mit ihrem amour fou in Bess und Jan anklingen.

Der Verwendung und Vermischung belichteter und digitaler Speichermedien beim Filmemachen entsprechen in Geister, der in gleicher Weise nachbearbeitet ist, eine Vielzahl technischer Verfahren, die in medizinischen Behandlungen am menschlichen Körper angewendet werden. Dieser Gegensatz von technischer Methode und menschlichem Objekt, der in Breaking the Waves zwischen Stil und Sujet besteht, erhält in Geister noch eine weitere Dimension: Die Spiritistin Drusse macht sich modernste Technik bei der Verortung übernatürlicher Phänomene nutzbar. Nicht nur eine flackernde Neonröhre dient als Morsegerät für eine Sterbende, um der Drusse im Ja/Nein-Schema zu antworten, auch die Analysegeräte für Hörschäden werden von ihr kurzerhand umfunktioniert, um die Schreie Marys nachzuweisen.

Das wissenschaftliche Vorgehen macht so gerade das Unerklärliche sichtbar: In einem völlig schalldichten Raum ist die Stimme herauszufiltern. Der technischen Aufzeichnung setzt von Trier immer auch bildliche Vorstellungen entgegen, wie etwa die Alptraumgestalten des jungen Moesgaard, die sich hinter den steilen Peaks des Aufzeichnungsgerätes im Schlaflabor verbergen und ihn anknabbern wie Saturn den eigenen Sohn in Francisco Goyas »Schwarzem Bild«.

Die fortschreitende Entdeckung des bösen Prinzips in Gestalt Åge Krugers geschieht ebenso in technischer Verfremdung: zunächst das verschneite Videobild des mysteriösen Krankenwagens, später das Rasterbild Krugers in einem Zeitungsausschnitt, den die Drusse findet und das von Trier mit Krugers aktuellem Paßfoto kunstvoll überblendet. Bereits vor seiner Wiedergeburt durch Rosemary sehen wir ihn auf dem Bildschirm des Ultraschallgeräts.

Einen Film über das Gute habe er machen wollen, erklärt Lars von Trier Breaking the Waves, im Gegensatz zu seinen bisherigen Werken. Ein gepixelter Himmel, Lars von Trier fecit. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap