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Bread and Roses

GB/E/F/D/CH 2000. R: Ken Loach. B: Paul Laverty. K: Barry Ackroyd. S: Jonathan Morris. M: George Fenton. P: Parallax Pictures, Road Movies, Tornasol, Alta. D: Pilar Padilla, Adrien Brody, Elpidia Carillo, George Lopez u.a.
110 Min. Neue Visionen ab 4.10.01
Von Thomas Warnecke Ken Loach ist humanistisch, engagiert, und belehrte uns unser Kanzler nicht eines anderen, man könnte ihn als einen sozialdemokratischen Filmemacher bezeichnen. Auch in seinem Herkunftsland weht auf der Labour-Seite mit Tony Blair ein anderer Wind, und so hat sich Ken Loach, unterstützt von Mitteln aus fünf europäischen Ländern, nach Amerika aufgemacht.

Hier, im Land von Clintons Jobwunder (noch nicht dem Land von Bushs allgemeiner Mobilmachung), findet er die Verhältnisse, an denen er sich schon im Thatcher-England gerieben hat. Nicht umsonst meinen führende Ökonomen, der Beschäftigungsboom unter Clinton sei vor allem die Ernte der Reagonomics der 80er. Zur sozioökonomischen Situation, die Loach im Los Angeles der Jahrtausendwende findet, gesellt sich noch die ethnologische hinzu, und so arrangiert Loach die Handlung um eine Gruppe mexikanischer Immigranten, die sich als Gebäudereiniger verdingen. Hinzu tritt ein junger Gewerkschafter. Alle sind sie eher seltene Gäste im Kino.

Es mag paradox klingen, daß die Stärken eines so engagierten Films wie Bread and Roses gerade auch in seiner ästhetischen Umsetzung liegen. Die Handkamera von Barry Ackroyd weist – abgesehen vom Gewackel in der anfänglichen Fluchtsequenz – jede Nähe zum Videochic (und zur Dogma-Ästhetik) von sich und beweist vielmehr im Umgang mit Licht und zusammen mit des Regisseurs Gespür für soziale Orte einen Stilwillen, der sich aus dem Dokumentarischen speist, ohne sich darin zu erschöpfen. Eine, vielleicht die einzige Eigenschaft, die der Film mit Soderberghs Erin Brockovich teilt. Doch anders als dieser Film, der eben auch ein Vehikel für Julia Roberts war, und anders auch als sonst Hollywood genügt Ken Loach die private Sicht der Dinge nicht, ist er vielmehr bemüht, eine öffentliche, politische Relevanz des Arbeitskampfes auch für die Gegenwart zu reklamieren. Geschickt sucht er dafür Halt bei amerikanischen Mythen – »anything goes« – , um sie gleichsam klassenkämpferisch vom Kopf auf die Füße zu stellen. Gleichzeitig lotet er die Untiefen seiner Figuren im Privaten aus, so daß zum Drama der Episodenfilm hinzukommt.

Vehement streitet hier einer nicht als Weltverbesserer, sondern indem er privates Glück – Brot und Rosen – für alle einfordert. Dabei greift er auf eine Vielzahl Darsteller aus der zweiten und dritten Reihe zurück, die es ihm mit herbem Realismus und Szenen von großer Intensität danken. Er setzt nicht auf mitleidheischende Gesichter in Großaufnahme, sondern auf lange Totalen, die etwa George Perez als Boss der Putzkolonne mit vollem Körpereinsatz ausspielt. Ein gelungener Einfall, Hollywood seine vergessenen Kinder ins Gedächtnis zu rufen, ist die Spontan-Demo auf einer Party von Anwälten, die die Rechte der Stars vertreten (auf der Party laufen auch Ron Perlman und Benicio Del Toro herum). Debütantin Pilar Padilla in der Hauptrolle der Maya umschifft alle Latino-Klischees, auch wenn der ihr und den anderen Mexikanern in der deutschen Synchronisation verpaßte spanische Akzent gelinde gesagt nervt; Adrien Brody paart als Gewerkschafter Sam List und Naivität zu einer sympathischen Kämpfernatur. Elpidia Carrillo verkörpert in ihrer Rolle am drastischsten, was ein Immigrantenschicksal für eine Frau bedeuten kann: Opferbereitschaft bis zur Selbstaufgabe und der Kampf um einen letzten Rest von Würde. 1970-01-01 01:00

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