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Brass on fire

D 2002. R,B,S: Ralf Marschalleck. K: Lars Barthel, Judith Kaufmann, Christian Maletzke. S: Angela Wendt, Joachim Tschirner. M: Fanfare Ciocarlia. P: Um Welt Film.
Ventura Film ab 12.9.02

Exotische Blasmusik

Von Annika Höppner Sie ist kein Beruf und kein Zeitvertreib, sondern ihr Leben: Die Musik des Zigeunerdorfes »Zece Prajini« im Nordosten Rumäniens ist Bestandteil ihres Alltags, ihrer Feste und ihrer Träume. Durch ihre Musik werden sie durch die Welt reisen und ihrer Armut ein Stück weit entkommen. Ein Musiker aus Deutschland spürt der Legende über Zece Prajini, wo die begabtesten und schnellsten Zigeunermusiker leben sollen, nach und findet hinter den Kaparten, am äußersten Rand Europas, das Dorf, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist.

Blaskapellen lassen normalerweise Assoziationen wie steife Marschmusik, Uniformen und Eintönigkeit aufkommen. Ganz anders ist die Musik der Fanfare Cioccola, der »Singenden Nachtigall«. Traditionelle Zigeunerlieder werden neu inszeniert und neue Melodien werden gemeinsam und spontan komponiert. So entstehen Stücke, die ungeheuer temperamentvoll und mitreißend sind. Ohne Noten und improvisierend ergänzen sich die Musiker zu einem einzigartigen Klang.

Vom Vater auf den Sohn werden die Melodien, die nur im Kopf existieren, weitergegeben. Ihre Instrumente sind zwar zerbeult und glanzlos, aber die aus diesen erklingenden Töne sind brilliant und glasklar.

Drei Geschichten werden erzählt: der Aufstieg der Dorfkapelle zur Weltberühmtheit, der Wunsch eines Zigeunerjungen, mit seinem in einem See gefundenem und kaputten Bariton-Horn endlich Musik machen zu können und eine Liebesgeschichte zwischen Ost und West. Diese Geschichten werden miteinander verwoben und bringen uns die Musik auf verschiedenen Ebenen nah.

Kontinuitätsprobleme, wie etwa ein unerklärlicher Jahreszeitenwechsel oder ein grundloser Ortswechsel werden von der wunderbar betörenden Musik aufgefangen. Die Musik der Fanfare Cioccola begleitet den gesamten Film. Es werden nicht nur Konzertaufnahmen gezeigt, sondern ihre Musik ist auch im Off als Begleitmusik des Films zu hören. Wir hören ungewohnte, geradezu exotische Musik und sehen Bilder aus einer filmisch wenig erschlossenen Gegend.

Ralf Marschalleck beschäftigt sich in Brass on fire nicht nur mit der Musik, sondern auch mit dem Land, den Menschen und ihrer Kultur. Dabei scheint es schwierig, Musik in Bilder zu übersetzen. Das, was man bei der Musik nur über die Gefühlsebene verstehen kann, wird im Lebensgefühl der Musiker und ihren blitzenden Augen sichtbar. Erstaunlich ist auch, daß dieser Film nur am Anfang eines Erzählers bedarf, der in altbekannter Märchenerzähler-Stimme die Legende des Dorfes erzählt. Im Verlauf des Films sind die Bilder so aussagekräftig und authentisch, daß sie keines Kommentars mehr bedürfen. An ein paar Stellen geht dieses Konzept nicht völlig auf. Aber die Musik, betörend und bezaubernd… 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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