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Die Bourne Verschwörung

The Bourne Supremacy. USA 2004. R: Paul Greengrass. B: Tony Gilroy. K: Oliver Wood. S: Christopher Rouse, Richard Pearson. M: John Powell. P: Universal Pictures, The Kennedy, Marshall Co. D: Matt Damon, Franka Potente, Brian Cox, Julia Stiles u.a.
108 Min. UIP ab 21.10.04

Wer ist denn jetzt schon wieder Jason Bourne?

Von Dietrich Brüggemann »Re-enactment«, das Wiederaufführen historischer Begebenheiten vorzugsweise militärischer Natur, ist in angelsächsischen Ländern, die zu ihrer kriegerischen Vergangenheit ein entspannteres Verhältnis pflegen als wir, ein beliebter Zeitvertreib. 2003 war bei der Berlinale ein Film zu sehen, der eine ganz besondere Schlacht wiederaufführte, nämlich einen Zusammenstoß zwischen Katholiken und Protestanten im Jahr 1973, der unter dem Namen Bloody Sunday traurige Berühmtheit erlangte. Der Regisseur Paul Greengrass verblüffte durch seine detailgetreue Inszenierung der damaligen Begebenheiten, die sich aus Dingen wie Charakterzeichnung oder gar Identifikation völlig heraushielt – wie ein Dokumentarfilm sah das Ganze aus, die Handkamera rannte dem Geschehen hinterher, kein Anflug von Hollywood-üblicher Publikumsbeeinflussung war zu spüren. Erst ganz am Ende, da griff Greengrass in die vollen und lieferte dann aber auch gleich ein Paradestück an audiovisuellem Exzeßkino. Da lief nämlich, als der Film ohne einen Ton Filmmusik geendet hatte, über dem Nachspann »Sunday Bloody Sunday« von U2 in einer donnernden Konzertaufnahme, die Titel liefen durch und verschwanden, der Vorhang ging zu, das Licht ging an, der Song lief weiter und weiter und hörte nicht mehr auf, man verließ den Saal zu den Klängen eines gewaltigen Schlachtgesanges, der einem noch auf dem Weg nach draußen nachhallte, und man war in seinen Grundfesten erschüttert von den Dingen, die man gerade gesehen hatte.

Möglicherweise war es dieser schlaue Schachzug, das Emotionskino bis über das Ende des Films hinaus auszuzögern und dann erst, nachdem der Film vorbei ist, explodieren zu lassen, der die Aufmerksamkeit der Studiochefs in Hollywood erregte.

Zumindest durfte Greengrass den Film inszenieren, der nach einem erfolgreichen Anfang möglicherweise den Auftakt einer Serie bilden könnte – die Fortsetzung des Kassenerfolges Die Bourne Identität, der 2002 Franka Potente nach Hollywood und die Massen ins Kino gelockt hatte.

Jason Bourne, der Agent ohne Erinnerung, lebt mit seiner europäischen Freundin ein kontemplatives Einsiedlerleben irgendwo in Indien, doch die Vergangenheit holt ihn in Form eines Mordanschlags ein, der ihm gilt, aber aus Versehen Franka Potente trifft, die so leider nach zehn Minuten aus dem Film verschwindet. Das ist bedauerlich, denn ein ohnehin schweigsamer Held wie Jason Bourne verstummt so, seiner Ansprechpartnerin beraubt, vollends und wird für den Rest des Films zu einer reichlich rätselhaften Kampfmaschine – er ist allen immer einen Schritt voraus, aber er weiß nicht, wohin eigentlich, und wir wissen es auch nicht.

Seine alten Arbeitgeber beim amerikanischen Geheimdienst werden auf eine falsche Fährte gelockt und auf einmal hinter ihm her, von da ab ist der Film eigentlich eine einzige Verfolgungsjagd, die Greengrass in der Tat mit einer körperlichen Intensität inszeniert, die man so schon seit einer Weile nicht mehr gesehen hat. Die Kämpfe Mann gegen Mann verfallen zwar auch hier in den alten Fehler des schnellen Schnitts, bei dem man einfach nicht mehr erkennt, was eigentlich los ist. Das Resultat ist dann ein Erlebnis, das man sich auch verschaffen kann, indem man von sehr nahe in einen Ventilator guckt. Doch der Rest, Fassadenklettereien, Katz-und-Maus-Spiele und vor allem die Autojagden, sind rasant, brachial und deutlich ehrlicher als Jerry Bruckheimers Gesamtwerk.

Die Bourne Verschwörung wurde nicht nur zu großen Teilen in Deutschland gedreht, sondern spielt auch dort, was zu merkwürdigen Effekten führt – Szenen mit Autos sehen generell aus wie Tatort in Cinemascope, bombastische Hubschrauberflüge über den Berliner Fernsehturm sind beeindruckend, bis im Hintergrund das grüne »Galeria Kaufhof«-Schild ins Bild rückt. Sardonisches Gelächter außerdem im Berliner Kino, wenn Matt Damon am Zoo eine Treppe hinaufrennt und an der Friedrichstraße oben ankommt, oder wenn Berlin zwischendurch mal für eine Einstellung Moskau doubeln muß – irgendwie ist es cool, wenn man einem Hollywood-Film topographische Mängel ankreiden kann, aber irgendwie ist es ja auch cool, daß Hollywood Berlin cool fand und hier gedreht hat, nicht wahr.

Am Ende steht jedoch dann wieder die Frage im Raum, die schon der erste Film nicht beantworten konnte: Wer ist Jason Bourne?

Keine Ahnung, auch dieser Film verrät es uns nicht, Damon ist und bleibt der Mann ohne Eigenschaften, für den man sich nicht so wirklich erwärmen kann, und dem Film haftet dadurch bei aller Größe eine gewisse Belanglosigkeit an, die er auch gegen Ende nicht los wird – denn diesmal ist es nicht nach wahren Begebenheiten, es gibt kein Lied, das uns am Ende durch Mark und Bein geht und uns klar macht, daß alles, was wir hier gesehen haben, wirklich passiert ist. Es ist eher ein bißchen wie die Wiederaufführung einer Schlacht, die im vorletzten Jahrhundert geschlagen wurde, nämlich interessant anzusehen, aber nicht von zwingender emotionaler Schlagkraft. 1970-01-01 01:00
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