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Das Bourne Ultimatum

The Bourne Ultimatum. USA 2007. R: Paul Greengrass. B: Tony Gilroy, George Nolfi, Scott Z. Burns. K: Oliver Wood. S: Christopher Rouse. M: John Powell. P: Hypnotic, Kennedy u.a. D: Matt Damon, Julia Stiles, David Strathairn u.a.
115 Min. Universal ab 6.9.07

Die perfekte Maschine

Von Daniel Bickermann Ein wohliges Gefühl schleicht sich ein, wenn John Powells ungewöhnliche Kombination aus Trommeln und Streichern (hastig angerissen für atemlose Sechzehntelnoten) einsetzt, inzwischen seltsam vertraut und sofort als dem »Bourne«-Universum zugehörig erkennbar. Man erwartet kluges Actionkino, der Druck der Vorgängerfilme ist groß. Und wenn dann 111 Minuten später erneut Mobys »Extreme Ways« als Abspannmusik ertönt (zum dritten Mal im dritten Film), liegt hinter dem Zuschauer ein Lehrbeispiel für innovatives und intelligentes Mainstreamfilmemachen; und ein Thriller, dessen Wirkung so profund einschlägt, daß man Schwierigkeiten hat, seine Vorgehensweise wirklich zu verstehen.

Vor allem technisch bleibt Greengrass weiterhin ein Mysterium. Durch seine pseudodokumentarische Echtzeitinszenierung des Bloody Sunday-Massakers wurde er zu einem der Väter der Schnitt-Verhackstückung, der rasenden Handkamera, der nervösen Zooms, der Wipe- und Flash-Cuts, immer in dem Versuch, dem Zuschauer gnadenlos die Subjektive aufzuzwingen (und nachdem Greengrass seitdem sowohl Editorin als auch Kameramann ausgetauscht hat, muß man diese konstant gebliebene Stilistik tatsächlich dem Regisseur selbst zuschreiben). Daß dieser Inszenierungsstil inzwischen genreübergreifend im Hollywoodfilm verbraten wird, hat jeder mitbekommen – in der Regel führt er zu ärgerlicher Unübersichtlichkeit und schlampigen Choreographien (man denke an die jüngsten Filme von Antoine Fuqua oder Bret Rattner). Daß dieselben Techniken unter Greengrass' Ägide weiterhin frisch und vor allem angebracht wirken, das war schon bei Die Bourne Verschwörung eine Überraschung und wird zum eigentlichen Triumph von Das Bourne Ultimatum.

Woran liegt's? Zum einen hat Greengrass das passende Sujet für diese technische Herangehensweise: Er will die meist mit bloßen Händen ausgetragenen Kämpfe Bournes ganz bewußt als lächerlich schnell, für den Laien nicht nachvollziehbar darstellen, und sein in vielerlei Hinsicht unmenschlich wirkender Protagonist verträgt diese Perspektive auch, fordert sie geradezu heraus. Zum anderen ist der Regisseur klug genug, den Standpunkt zu wechseln: Versetzte er in Bloody Sunday oder United 93 den Zuschauer mit Hilfe von Kamerapositionierung und Close Ups noch mitten in die Zone der direkten Bedrohung und somit in die Opferrolle, so läßt er ihn Bournes Aktionen auch im Blitzschnittgewitter nur von außen, gar von Ferne beobachten: Hier wird keine Identifikation hergestellt, sondern ein kurioses Wesen ausgestellt – es ist ein ebenso wichtiger wie kluger Schachzug Greengrass', der seinen Protagonisten damit stets auf räumlicher und moralischer Distanz hält und ihm ein stetiges Geheimnis bewahrt. Die im ersten Teil noch staunend und schleudertraumatisiert zuschauende Franka Potente wurde in ihrer Funktion längst vom Kinopublikum selbst ersetzt.

Wer die DVDs der Greengrass-Filme bis in die Einzelbildstudie hinein untersucht, wird aber auch auf sehr sorgfältige und realistische Choreographien stoßen und auf beinahe unbewußt wahrgenommene Bilder von erstaunlicher Klarheit. Auch Greengrass läßt seine Editoren in atemlosen Sequenzen mehrmals pro Sekunde schneiden (und in Das Bourne Ultimatum betreibt er diesen Stil sogar für seine eigenen Verhältnisse inflationär), der Unterschied besteht nur darin, daß seine Blitzbilder bei aller Kürze beeindruckend aussagekräftig und interessant gewählt sind. Diese Vorliebe für originelle Details kann man auch in den weniger adrenalinhaltigen Dialog- oder Warteszenen beobachten: Ungewöhnliche Nahaufnahmen von zuckenden Augenbrauen werden da in unscheinbare Two-Shot-Wechsel eingestreut, verkniffene Wangen ersetzen Porträtaufnahmen. Was man den Drehbuchautoren seit Jahren predigt – Reduzierung einer Szene auf die kleinstmögliche Sinneinheit – wendet Greengrass nun auch auf der Bildebene an, konzentriert sich auf minimale Teile der Darstellung und erzählt dabei ebenso prägnant wie präzise das Wesentliche eines Charaktermoments.

Dazu braucht man aber auch ein Schauspielensemble, das allein mit einer Augenbraue schauspielern kann, und Greengrass darf da auf eine Handvoll wahrer Könner zurückgreifen. Mehr noch als in den beiden ersten Filmen harmoniert das gesamte Ensemble im selben Tonfall: Da alle Figuren von Natur aus Anonymität suchen, üben alle Darsteller größtmögliche Zurückhaltung und finden dabei eine leise Dramatik, die es zum Beispiel der immer wieder überraschenden Julia Stiles erlaubt, mit wenigen Szenen und ohne jedes Pathos sehr viel zu erzählen. Eine weitere angenehme Überraschung der Bourne-Filme war es stets, daß die unscheinbarsten Männer die gefährlichsten sind (bedingt natürlich durch den harmlos aussehenden Everyboy Damon) und daß sich statt schillernden Erzbösewichten oft nur grauhaarige Anzugträger finden lassen – und der exquisit unauffällige David Strathairn stellt sich als Nachfolger von Chris Cooper und Brian Cox in diesem Bereich als wahrlich inspirierte Wahl heraus. Passend dazu entpuppen sich auch in der Handlung die unscheinbarsten Methoden oft als die erfolgreichsten, wenn Bourne zum Beispiel – welch Schock – einfach mal die Polizei ruft. Es spricht für die geistige Wendigkeit des Films, daß sich trotz aller Handfeuerwaffen und Abhörtechnik letztlich eine simple Faxmaschine als gefährlichstes Instrument herausstellt.

Jedes Teil dieser präzisen Maschine schwingt also im gleichen Rhythmus, und alle greifen ineinander und treiben die Räder der Geschichte gnadenlos voran. So kann sich Greengrass eine atemlose erste halbe Stunde erlauben, eine atemlose letzte halbe Stunde und nur wenige Momente wirklicher Entspannung dazwischen, ohne je unsicher oder überstürzt zu wirken. Ein makelloses Meisterwerk der Effizienz. 1970-01-01 01:00
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