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Bollywood Hollywood

CAN 2002. R,B: Deepa Mehta. K: Doug Koch. S: Barry Farrell. M: Sandeep Chowta. P: Mongrel Media. D: Rahul Khanna, Lisa Ray, Moushumi Chatterjee, Dina Pathak, Kulbushan Kharbanda u.a.
106 Min. Universum ab 26.6.03

Subversiv komödiantisch

Von Achim Wetter Deepa Mehta hat sich ordentlich die Finger verbrannt bei den Dreharbeiten für ihren letzten Film, der unter dem Titel Water den Abschluß einer Trilogie über die drei Elemente bilden sollte. Die unwürdigen Lebensumstände indischer Witwen in den 30er Jahren aufgreifend, wurde das Projekt von Hindu-Nationalisten in einer subtil inszenierten Schlammschlacht als »anti-indisch« und »anti-hindu« denunziert. Entsprechend radikalisiert machten sich am ersten Drehtag in Varanasi Horden aufgebrachter Bürger über den Set her und hinterließen ein wahres Meer der Verwüstung. Die Regierung, die irrigerweise Mehta verantwortlich machte, verwies daraufhin die Crew außer Landes. Filme, die sich ohne Rückendeckung der großen indischen Produzentenkonglomerate und nicht innerhalb des streng reglementierten Bollywoodkosmos gesellschaftspolitischen Problemzonen nähern, haben es auf dem Subkontinent momentan nicht ganz leicht.

Bollywood Hollywood, im kanadischen Toronto gedreht, scheint nun auf den ersten Blick das genaue Gegenteil eines gesellschaftskritischen Films zu sein und sich den unreflektierten Auswüchsen des aktuellen Indien-Hypes ganz windschnittig anzupassen. Doch zeigt uns Deepa Mehta auch hier, wie man ungeschriebene Gesetze mit Füßen tritt. Sie inszeniert einen zunächst klassischen Bollywoodplot um den – wie könnte es anders sein – sehr vermögenden, jungen und gutaussehenden Indokanadier Rahul, der gegen die Regeln rebelliert und eine Weiße, noch dazu ein bekannter Popstar, zur Frau nehmen möchte. Um den Läuterungsprozeß zu umgehen, der in Bollywood nun unvermeidlich wäre, läßt Mehta den Konfliktherd, die junge Frau, bei einem skurrilen Unfall ums Leben kommen. Abrupt wechselt sie die Identität und peitscht von da an in klarer Hollywoodmanier eine ebenso humorvolle wie respektlose, in ein kanadisch-indisches Umfeld verlegte Version von Pretty Woman über die Leinwand.

Rahul muß, der Tradition gemäß, so schnell wie möglich eine neue Braut finden, um die geplante Hochzeit seiner jüngeren, der Tradition denkbar ungemäß, bereits schwangeren Schwester nicht zu gefährden. Seinen Kummer an einer Theke ertränkend, wird er von der hübschen Hosteß Sunita angesprochen. Rahul kommt die rettende Idee: Die selbstbewußte junge Frau soll gegen Bezahlung so lange seine Zukünftige spielen, bis die Schwester unter der Haube ist. Natürlich verlieben sich Rahul und Sunita nach und nach ineinander. Friede, Freude, Eierkuchen, wenn da nicht doch die eine Sache wäre, die Rahul zunehmend verunsichert und die bei Pretty Woman nur deshalb relativ unproblematisch blieb, weil es sich bei der Protagonistin um eine berufliche Debütantin handelte. Glaubt Rahul Sunitas Beteuerungen?

Es ist zweifellos ein Plot, der eine Menge Spielraum bietet für bissige Reflexionen über indische Traditionen, Rituale, Denk- und Verhaltensweisen. Kaum ein Konfliktherd zwischen Vertretern der orthodoxen Einwanderergeneration und dem bikulturell sozialisierten Nachwuchs wird dabei ausgespart. Die Hybridität multipliziert sich von der Thematik in den Titel, in den Produktionsstab, in die Besetzungsliste und vor allem in sämtliche Ebenen des filmsprachlichen Vokabulars. Mag dies auch zum Teil kommerziellem und strategischem Kalkül geschuldet sein, wird Bollywood Hollywood dadurch zu einem echten Produkt künstlerischer Folgerichtigkeit. 1970-01-01 01:00
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