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Böse Zellen

A/D/S 2003. R,B: Barbara Albert. K: Martin Gschlacht. S: Monika Willi. P: coop 99 / zero südwest, Fama Film AG. D: Kathrin Resetarits, Ursula Strauss, Georg Friedrich, Marion Mitterhammer u.a.
120 Min. Ventura ab 1.04.04

Die Ästhetik des Draufhaltens

Von Thomas Waitz Was ist nur mit Österreich los? Diesem herrlichen Urlaubsland unserer Kindheit? Diesem kotelettförmigen Gebilde sozialpartnerschaftlicher Kleingeistigkeit? Diesem Volk von Oberkellnern, Herren Doktoren und geprägt von einer bis zum Selbsthaß gesteigerten Geringschätzung seiner selbst?

Es mag unangemessen scheinen, anhand von Filmen auf die kollektive Verfaßtheit einer imaginierten Gemeinschaft wie der einer Nation schließen zu wollen, allein: Böse Zellen legt diesen Schluß ziemlich nahe, und weil das österreichische Selbstverständnis für die meisten seiner Bewohner, die nichtsdestotrotz ostentativ von seiner Thematisierung besessen sind, selbst eine Fiktion darstellt, wird es in vielen Filmen wiederkehrend verhandelt. Barbara Albert, die vor vier Jahren mit Nordrand einen internationalen Erfolg verzeichnen konnte, hat in diesem Sinne einen ganz und gar typisch österreichischen Film gemacht. Wobei der Ausdruck »typisch Österreich« selbst schon typisch Österreich sei, wie Robert Menasse einmal angemerkt hat.

Albert verfolgt in Böse Zellen das Schicksal einer Handvoll reichlich gewöhnlicher Menschen über den Zeitraum eines Jahres. »Schicksal« – der Ausdruck legt bereits nahe, was ein Charakteristikum der Figurenzeichnung darstellt: Den Protagonisten widerfahren – im größeren oder kleineren Maßstab – einige Zumutungen, aber eine eigentliche Entwicklung wird ihnen verweigert. Die Naturmetaphorik vom wiederkehrenden Wandel der Jahrezeiten, welcher der Film sich als chronologischer Strukturierung bedient, legt bereits das repetitive Moment und die Ausweglosigkeit der individuellen Lebensentwürfe nahe.

Allein der Tod bietet einen Ausweg, und eine tiefe Einsamkeit ist es, die alle Figuren eint. Als narratives Konzept ist Böse Zellen durchaus schlüssig, für den Zuschauer jedoch gleichermaßen ermüdend. Die erbärmliche Mittelmäßigkeit der vorbürgerlichen Existenzen, die uns Albert vorführt, kennt man aus Uli Seidels Filmen – hier ist sie formal weitaus weniger avanciert zur Ansicht gestellt worden. Es überwiegt eine Ästhetik des Draufhaltens – in den zahlreichen Sexszenen etwa, die in ihrer abstoßenden Inszenierung wohl in die Kinogeschichte als unappetitlichste Visualisierung eines rein auf den Vollzug geschlechtlichen Verkehrs reduzierten Liebeslebens eingehen dürften.

Am Ende überwiegt Ratlosigkeit: Alberts scheint ihre Figuren nicht zu lieben, nicht einmal zu hassen, einhundertzwanzig Minuten blicken wir in die Abgründe österreichischer Normalität – beziehungsweise das, was mit großer Kontinuität bereits Regisseure wie Seidel oder, wenngleich mit anderen Thesen, Haneke noch stets darin gesehen haben. Man muß schon sehr selbstquälerisch veranlagt sein, um das zu mögen. Oder Österreicher vielleicht. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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