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Bobby

USA 2006. R,B: Emilio Estevez. K: Michael Barrett. S: Richard Chew. M: Mark Isham. P: Bold Films, Estevez Productions. D: Emilio Estevez, Anthony Hopkins, Demi Moore, Sharon Stone, Elijah Wood, Helen Hunt, Christian Slater, William H. Macy u.a.
120 Min. Kinowelt ab 8.3.07

Menschen im Hotel

Von Tamara Danicic Eine wahrhaft illustre Gesellschaft, die sich da im legendären Hotel »Ambassador« in Los Angeles eingefunden hat: Anthony Hopkins, William H. Macy, Sharon Stone, Lindsay Lohan, Elijah Wood – und eine ganze Stange weiterer Stars vom Hollywoodolymp. Das »Ambassador« ist ein mythischer Ort: Hier wurde am 5. Juni 1968 Robert F. Kennedy erschossen. Mit seinem Tod zerbrach auch ein Stück weit der amerikanische Traum, der in der Bush-Ära mehr denn je ausgeträumt zu sein scheint.

Bobby macht den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten zur Leerstelle. Nicht nur weil seine Rolle fast ausschließlich über Archivmaterial erzählt wird, sondern auch weil Emilio Estevez’ Erzählung den Umweg über 22 fiktive Figuren nimmt, die sich am Tag der Ermordung im Hotel aufhalten. Sie alle haben ihre eigenen Geschichten – manche mit offen politisch-gesellschaftlichen Bezügen, andere rein privater Natur. Man ahnt, daß die einzelnen Fragmente auf das große Ganze eines Gesellschaftsporträts der ausgehenden 60er Jahre zielen. Am Ende laufen die Fäden zusammen, führen alle Wege in den Ballsaal bzw. die Küche des Hotels, wo die Schüsse auf den demokratischen Hoffnungsträger fallen.

Kein Zweifel, es handelt sich hier um einen ambitionierten, engagierten und aufrichtigen Ensemblefilm, der einem Mythos die Ehre erweist. Estevez weiß seine Stars klug zu nutzen – und teilweise auch geschickt zu tarnen, erkennt man doch einige erst auf den zweiten oder dritten Blick. Überdies ist der Film stimmig ausgestattet, überzeugend gefilmt (überwiegend mit Steadycam, was dem Erzählton etwas angenehm Ruhiges, Fließendes gibt) und trefflich geschnitten. An dem Ziel, eine ganze Gesellschaft im Umbruch zu porträtieren, überhebt er sich jedoch. Zu disparat und unterschiedlich relevant erscheinen die einzelnen Episoden. Zu leicht verblassen sie angesichts der aus dem Off erklingenden, bewegenden letzten Rede Kennedys. Bobby ist eher Episodenfilm als Sozialporträt. Ist ja an sich nicht verkehrt. Nur was anderes halt. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #45.
© 2012, Schnitt Online

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