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Die Bluthochzeit

D/B 2005. R,B: Dominique Deruddere. B: Jean van Hamme. K: Danny Elsen. S: Philippe Ravoet. P: Typhoon, Fanes Film, MMG NV. D: Armin Rohde, Uwe Ochsenknecht, Josef Heynert, Arne Lenk u.a.
92 Min. Constantin ab 21.4.05

Die vergessene Braut

Von Constanze Frowein Bizarr und erschreckend mag die Vorstellung sein, daß ein paar verdorbene Shrimps eine Hochzeitsgesellschaft in einen mit Handgranaten und Gewehren ausgefochtenen Kampf verwickeln. Armin Walzer, Vater des neben ihm schmächtig wirkenden Bräutigams Marc, steht schon seit längerem mit Franz Berger auf Kriegsfuß, weil der dem patriarchalischen Waffennarr sein Landgut in der Eifel nicht verkaufen will. Und so scheint schon im voraus der Kon-flikt von Walzer kalkuliert, wenn er die Hochzeitsfeier seines von ihm nicht respektierten Sohnes ausgerechnet in Bergers Landgasthof ausrichten muß.

Die übelriechenden Meeresfrüchte in der Vorspeise des Festmahls bringen also lediglich das Ventil zum Platzen: Familienoberhaupt Walzer versucht ein letztes Mal vergeblich, Berger zum Verkauf des Landgutes zu erpressen und verläßt schließlich wutentbrannt und ohne zu zahlen nebst Hochzeitsgästen das Gut. Zu spät bemerkt er jedoch in seinem Jähzorn, daß er Braut und Ehefrau im nun feindlich verriegelten Gemäuer vergessen hat. Spätestens hier zeigt sich, daß nicht allein die Kampfhähne Berger und Walzer um ihre Macht ringen. Walzers Sohn hat im vollen Bewußtsein um die zurückgelassenen Frauen den Vater vorschnell ins offene Messer rennen lassen. Machtbuhlereien lauern an jeder Ecke. Statt sich der Geiselnahme mit einem Scheck zu entledigen, geht der Kampf um Ehre und Stolz erst richtig in die Vollen.

Was sich in dem gleichnamigen Comic von van Hamme und Hermann zu einer brutalen, durch Mord gefärbten Splatterorgie entwickelt, erreicht in Derudderes Leinwandübertragung vornehmlich einen psychologisch erbärmlichen sowie niederträchtigen Haßaustausch. Die Möglichkeit, sämtliche 24 Charaktere des Filmes zu -beleuchten, nutzt der bereits Oscar-nominierte Regisseur restlos und gewissenhaft aus. Das anfangs schwarzhumorig gefärbte Gezanke wird mit jedem Schritt der brutaler ablaufenden Geiselnahme zu einem dem Publikum bekannten familiären Terror. Danny Elsens in weichen Filtern harmonisch leuchtende Aufnahmen zu Beginn des Films und die zum Finale düster und beinahe farblos wirkenden Bilder betonen die fatale Entwicklung auch kameratechnisch stringent.

Die Ursache des Streits scheint banal, doch die Wirkung ist fatal. Unglückliche Zufälle vermengen sich mit jahrelang schwelenden familiären Konflikten. Und so ähnelt diese blutige Hochzeitsfeier einer Familienaufstellung bei Bert Hellinger, denn endlich gibt sich dem vom Vater nie respektierten Bräutigam die Möglichkeit, dem Anlaß für die jahrelange Abfälligkeit des Vaters auf den Grund zu gehen und ihn letzten Endes zu stellen. Bluthochzeit als »Antikriegsfilm« zu bezeichnen, mag von Dominique Deruderre dabei etwas übertrieben sein – jedoch trifft er in jeder Sequenz glaubwürdig den Wahnsinn des jede Gemeinschaft gefährdenden Flächenbrandes, angefacht von Neid, verletztem Stolz und fehlender Liebe, der auch Unbeteiligte ins Unglück reißt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #38.
© 2012, Schnitt Online

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