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Blue Moon

A 2002. R,B: Andrea Maria Dusl. K: Wolfgang Thaler. S: Karina Ressler, Andrea Wagner. M: Christian Fennez, Peter Dusl, Yuri Naumov. P: Lotus Film. D: Josef Hader, Viktoria Malektorovych, Detlef Buck u.a.
90 Min. Ventura Film ab 31.10.02
Von Holger Liepelt Vor allem anderen ist Blue Moon eine Autopsie des Ostblocks. Die Stationen, die Johnny Pichler auf der Suche nach der Liebe seines Lebens durchläuft, sind mit nekrophiler Detailliebe und Ostalgie ausgesucht und eingerichtet, eine jede ein Museum für planwirtschaftliche Ästhetik. Und genau wie ein Museumsbesucher benimmt sich Johnny im Osten: ein wenig befremdet, aber neugierig. Wieder und wieder steht er nur da, schaut mal hier, faßt dort mal an.

Johnny hat sich in Shirley verknallt, das ist schon alles, was man über ihn erfährt. Auch Ignaz Springer, sein zeitweiliger Sherpa in der Terra Incognita, kommt aus dem Nichts. Der Verzicht auf Hintergrund der Figuren ist ein Kunstgriff, der die überstarke Konstruktion und Künstlichkeit der Geschichte betont; jegliche Art von ausgearbeiteter Personenhistorie hätte die Autorin in üble Erklärungsnöte gebracht. So kann man sich auf den Trip konzentrieren: Stoisch, wortkarg, unbeirrbar bahnt sich Pichler seinen Weg durch Slowakei, Ukraine und Rußland. Statt Shirley findet er Jana, ihre Zwillingsschwester, und diese erwidert seine Liebe. Jana hat als einzige eine Vergangenheit, und als Johnny diese entdeckt, entlarvt der Film sein wahres Gesicht: Kommt er bisher als lakonisches Road Movie mit trockenem Witz und bizarren Situationen daher, wird es nun hoffnungslos romantisch. Daß der Film nicht kitschig wird, liegt an seinem morbiden Humor. Wie romantisch er allerdings ist, spürt man erst nach dem Ende, und das sorgt für ein wohliges Gefühl im Bauch. Nicht das Schlechteste, was man über einen deutschsprachigen Film sagen kann. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #28.
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