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Blue in the Face

USA 1995. R,B: Wayne Wang, Paul Auster. K: Adam Holender. S: Christopher Tellefsen. D: Harvey Keitel, Lou Reed, Giancarlo Esposito, Roseanne Barr, Jim Jarmusch, Lily Tomlin, Michael J. Fox, Madonna, John Lurie u.a.
ab 4.1.96

Rauchzeichen

Von Daniel Hermsdorf 1. Innen. Tag. Die Brooklyn Cigar Company.
Kehren wir zurück in Auggie Wrens (Harvey Keitel) Tabakladen. Wir kennen ihn bereits aus Wayne Wangs Smoke; für Blue in the Face fanden sich etliche Smokeys sowie allerlei Prominenz in den Kulissen ein, um weiterzuspielen. Blue ist ein Puzzle aus Szenen, die trotz ihres Charmes keinen Platz im dramaturgischen Gerüst des ersten Films ergattern konnten, aus improvisierten Szenen, authentischen Videotakes von Brooklyner Passanten sowie ein wenig found footage.


2. Die Darsteller
Lou Reed schmaucht eine Zigarre, trägt eine extravagante Brillenkonstruktion und erzählt, was ihm einfällt: »Ich hab Angst zum Beispiel in Schweden. Es ist so leer dort. Alle sind betrunken. Alles funktioniert. (…) Im Fernsehen zeigen sie Ohrenoperationen. So was macht mir angst. Aber New York? Nein.«

John Lurie hat sich mit zwei Schlagzeugern auf dem Bürgersteig eingenistet und saxophoniert, Madonna überbringt ein gesungenes Telegramm, Lily Tomlin und Michael J. Fox erkennen wir auf den ersten Blick kaum. Jim Jarmusch macht uns weis, er wolle seine letzte Zigarette rauchen, und trägt zwei Armbanduhren. Schließlich hat Amerika zwei Zeitzonen, und als Regisseur montiert er gern parallel.

Sie alle stricken mit unverbrauchtem Ehrgeiz am Patchwork einer Großstadt. Sie verkörpern alltägliche Helden, Großkotze, Bettler, Schlitzohren, einer liebenswerter als der andere in seiner »unwandelbaren Schrulligkeit« (Paul Auster).


3. Texteinblendung
Auster hat auch ein Buch herausgegeben, das Interviews, Produktionsnotizen, eine Erzählung und die Drehbücher zu Smoke und Blue versammelt. Nicht zu vergessen sind die Improvisationsvorlagen für Blue, die die Entstehungsgeschichte des Films plausibel machen.

So können wir beobachten, wie aus erzählten Passagen Spielhandlung wurde und die Schauspieler ihre Figuren eigenständig modellieren. Diese Umsetzung verdeutlicht ein zwiefaches unendliches Spiel der Möglichkeiten: unser eigenes in der Inszenierung unserer Handlungen und das Spiel des Autors mit seinen Charakteren. (Insofern lesen sich die Vorplanung und das filmische Endprodukt in Kombination ähnlich reizvoll wie Resnais' Smoking / No Smoking.)

Auch instruierten die Regisseure einzelne Schauspieler mit Charakterskizzen und Handlungsanweisungen, die den anderen Darstellern unbekannt waren. Wir sehen im Kino eine echte, unerwartete Ohrfeige: Blue ist ein verschachtelter Versuch der Kunst, es mit dem Leben aufzunehmen.


4. Außen. Tag. Die Brooklyn Cigar Company.
Der Tabakladen als Mikrokosmos und Knotenpunkt: Blue wird mit seinem Figurenreichtum und seiner offenen Form dem Charakter des Ortes noch besser gerecht als sein Vorgänger. Wie auf Auggie Wrens Fotos in Smoke, die seinen Laden jeden Morgen um dieselbe Uhrzeit festhielten, erklärt uns Blue die Welt, wie sie ist – zum Teil, im Ausschnitt. Er hangelt sich so wenig wie möglich an einer Zeitleiste entlang; er schneidet in die Tiefe.

Hier vervollständigen sich wie zufällig Nebenhandlungen aus Smoke, und das banale Bild des Alltags wird plötzlich transparent in seinen komplex geschichteten Ebenen. Während du dies tust, mache ich jenes und so fort. Wir sind gehalten, einen Rahmen zu zimmern um unseren Blick auf die Dinge in ihrer scheinbaren Einfachheit.


5. Abspann.
Blue ist Bruchstück und Improvisation. In Smoke unter Wangs Regie spürte man deutlich den erzählerischen Atem Austers. In Blue hat Auster mitinszeniert, und plötzlich bedarf es keines Schöpfers mehr, seine Figuren haben sich selbst Leben eingehaucht und kommen zu ihrem Recht. Die Utopie des Autors: sein Verschwinden.

Finally Paul Auster: »Es gab nur ein Problem: Ich konnte das Wort ›Schnitt‹ nicht aussprechen. (…) Wie ich Peter Newman (einem der Produzenten, Anm. d. Red.) nach Abschluß der Szene erzählte, hatte ich Schwierigkeiten, ein altes Wort in neuem Kontext zu verwenden. Bis zu diesem Vormittag hatte ich das Wort ›Schnitt‹ allenfalls gebraucht, wenn Blut aus meinem Finger strömte.« 1970-01-01 01:00

Abdruck

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