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Blue End

CH/D 2000. R,B,S: Kaspar Kascis. K: Pierre Mennel. S: Isabel Meier. M: Mich Gerber. P: eXtra Film, SWR..
85 Min. b.film ab 15.4.04

Scheibchenweise

Von Frank Brenner Dem Schweizer Dokumentarfilmer Kaspar Kasics gelingt es mit seinem bereits im Jahr 2000 gedrehten Film Blue End spielerisch, gleich mehrere heiße Eisen anzupacken und zu einem äußerst vielschichtigen Gesamtwerk zu vereinen, bei der man die fehlende Kommentierung des Gezeigten in keiner Weise vermißt. Sein auf der Berlinale 2001 vorgestellter und dort mit dem Preis der Ökumenischen Jury prämierter Film hat in den vergangenen Monaten eine zusätzliche Brisanz dadurch erhalten, daß Gunther von Hagen und seine »Körperwelten«-Ausstellung erneut in die Schlagzeilen gelangte, als kolportiert wurde, seine Exhibitionate seien angeblich aus gekauften russischen und kirgisischen Leichen gefertigt worden. In Kasics' Film geht es nur um eine Leiche und deren präparierten Körper, die aber eine noch ungleich höhere Bekanntheit erlangt hat.Joseph Paul Jernigan war ein Kleinkrimineller, der bereits zweimal aufgrund räuberischen Einbruchs inhaftiert worden war, als er 1981 bei einem neuerlichen Einbruch den Eigentümer auf brutale Weise tötete und daraufhin zur Todesstrafe verurteilt wurde. Nachdem diese dann im Jahr 1993 durch eine tödliche Injektion ausgeführt wurde, stellte man Jernigans Leichnam der Wissenschaft zur Verfügung. Die beiden Ärzte Dr. Spitzer und Dr. Ackerman froren die sterblichen Überreste des verurteilten Mörders portionsweise ein, um in den kommenden Monaten Scheibchen für Scheibchen abzuschneiden und zu fotographieren, um das Ergebnis schlußendlich als »visible human project« im Internet auszustellen und Anatomiestudenten als Lehrobjekt zugänglich zu machen.

Kaspar Kasics läßt in Blue End eine Vielzahl der beteiligten Personen zu Wort kommen, um die Geschichte möglichst detailliert aufzurollen. Neben den mit dem Projekt betrauten Wissenschaftlern sind es vor allen Dingen die Ex-Frau und der ältere Bruder des Verurteilten, die ihre Sicht der Dinge kommentarlos schildern dürfen. Aber auch Staatsanwalt, Pflichtverteidiger und Hinrichtungspriester wurden für den Film interviewt. Dabei entstehen durchaus zwiespältige Eindrücke vom Prozeß und dem wissenschaftlichen Hintergrund des großangelegten Digitalisierungsprojekts. Daß die Todesstrafe als solche in einer demokratischen Gesellschaft ohnehin längst der Vergangenheit angehören sollte, steht dabei noch nicht einmal so sehr im Vordergrund. Es ist vielmehr das juristische System der USA, das von einigen der Beteiligten immer wieder kritisiert wird, denn in Jernigans konkretem Fall ist die Verurteilung zur Todesstrafe wohl eher auf eine fehlerhafte Verteidigung als auf eine gerechte Urteilsfindung zurückzuführen. Der Hinrichtungspfarrer, der in seiner Funktion als Betreuer zum Tode verurteilter Menschen auch Jernigan dazu überredet hatte, seinen Körper wissenschaftlichen Forschungen zur Verfügung zu stellen, wird auch nicht müde zu beteuern, daß schlechte Menschen auf diese Weise doch noch einen positiven Beitrag für die Gesellschaft erbringen können.

Spitzer und Ackerman gehen in ihrer wissenschaftlichen Sicht der Dinge noch einige Schritte weiter und haben auch keine Skrupel damit, Föten oder Kleinkinder ihren Prozeduren zu unterziehen, auf die das Prädikat des schlechten Menschen, der sich rehabilitieren kann, ohnehin nicht anwendbar ist. Wenn Dr. Spitzer völlig emotionslos vom nicht immer einwandfreien Funktionieren seiner Körpersägen und von Leichenteilen als simplen Forschungsobjekten berichtet, laufen dem Betrachter mitunter kalte Schauer über den Rücken. Wenn man dann aber andererseits erfährt, daß die Informationen, die das millimeterweise Abfotographieren von Jernigans Körper erbracht hat, acht Millionen Buchseiten gefüllt hätte, ist der Grundstein für eine Diskussion über Ethik oder wissenschaftlichen Fortschritt erneut gelegt. Kasics' Film kommt dabei die überaus lobenswerte Funktion zu, die Thematik von allen erdenklichen Gesichtspunkten heraus beleuchtet und dem Zuschauer damit die nötigen Hintergründe für eine kritische Auseinandersetzung geliefert zu haben. 1970-01-01 01:00
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