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Blow

USA 2001. R: Ted Demme. B: David McKenna, Nick Cassavetes. K: Ellen Kuras. S: Kevin Tent. M: Graeme Revell. P: Spanky Pictures/Apostel. D: Johnny Depp, Penélope Cruz, Franka Potente, Ray Liotta, Rachel Griffiths, Paul Reubens, Cliff Curtis u.a.
124 Min. Kinowelt ab 26.7.01
Von Carsten Happe Unbeirrt zieht die Retrowelle weiterhin ihre Bahnen. Gebiert bisweilen eine schmachtende Reminiszenz wie Almost Famous, die in ihrer Nostalgieseligkeit beinahe zu ertrinken drohte, doch die Vergangenheit als einen schönen Ort. Blow bedient sich ebenso dieser Muster des wehmütigen Rückblicks, indem er Versatzstücke der Lebensgeschichte George Jungs, des einflußreichsten amerikanischen Drogendealers der 70er, aneinanderreiht und in eine streckenweise frappant penible Ausstattungsorgie taucht.

Das auf den ersten Blick außerordentliche Leben des Emporkömmlings allerdings wird nur verwaltet, katalogisiert. In hübsch linearer Erzählweise streift das Drehbuch einschneidende Ereignisse seit frühester Kindheit, hakt sie ab, als gelte es, das Handbuch des gefälligen Biopics nur nicht zu beschädigen. Die Kamera rückt dabei Johnny Depp stets derart nah auf die Pelle, daß den Cinemascopebildern kaum Raum zum Atmen bleibt.

Regisseur Ted Demme beweist dagegen den langen Atem und bringt die Gleichförmigkeit des erschreckend unspektakulären Lebens ohne erkennbare Spannungsbögen auf die Leinwand. »Based on a true story«, heißt es direkt nach dem Titel, als sei damit vorab eine Rechtfertigung und Absolution für die kommenden zwei Stunden erteilt. Doch nur selten begründen einzelne Szenen und Miniaturen, weshalb gerade diese Geschichte ihre filmische Aufarbeitung erfährt. Etwa wenn Johnny Depps Wohnung vor unzähligen Kisten voller Drogengewinne aus allen Nähten platzt, und die unbeholfenen Versuche, noch mehr Geld unterzubringen, in einer kleinen Slapstickperformance enden. Doch solche Momente sind selten, in denen sich Blow von seinem Erzählgestus befreit, permanent erklärt die Off-Stimme Depps selbst die banalsten Bilder – ein fernes Echo weht von Scorseses ungleich kühnerem Casino her, doch niemand vermag es zu hören. Auch Franka Potente nicht, die sich in ihrem US-Debüt redlich bemüht, amerikanischer als die Amerikaner daherzukommen und damit eine Assimilierung wie einst Wolfgang Petersen oder Roland Emmerich vorantreibt. Blow hingegen tritt auf der Stelle, für die einzige Bewegung sorgen die ständigen Schauplatz- und Kostümwechsel, ein bißchen wenig für ein »Motion Picture«. Penélope Cruz schließlich, die erst auftritt, als die Betäubungsmittelbiographie den letzten Zuschauer eingeschläfert hat, beweist zumindest Mut zur Häßlichkeit, indem sie einem verlotterten Johnny Depp im Ballonseide-Trainingsanzug entgegentritt. Wer hätte jedoch gedacht, daß der internationale Drogenhandel derart unsexy daherkommt? 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #23.
© 2012, Schnitt Online

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