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Die blaue Grenze

D 2005. R,B: Till Franzen. K: Manuel Mack. S: Sebastian Schultz. M: Enis Rotthoff. P: Discofilm. D: Antoine Monot jr., Hanna Schygulla, Dominique Horwitz, Jens Münchow u.a.
102 Min. Jetfilm ab 24.11.05

Ätherische Romantik

Von Oliver Baumgarten Ein Kameraflug über sich auftürmende Wolken führt sanft in die atmosphärisch dichte Welt von Momme Bief ein. Als sei ein leichter Schleier dieser Wolken mit auf die Erde geraten, senkt sich über das Lebensgefüge des jungen Friesen Momme eine seichte Unschärfe. Der plötzliche Tod seines Vaters, Mommes Angst, dem Opa davon zu erzählen, der sich in einen Schrebergarten zurückgezogen hat, und schließlich die wunderschöne Dänin Lene, die seinen Weg als innigste Liebe kreuzt – all das vernebelt ihm die Sinne, und in fast elegischer Trance folgt er wie von Geisterhand geführt jenen vom Schicksal gesetzten Bojen.

Antoine Monot jr. spielt diesen Momme Bief, der sich von den übereinanderfallenden äußeren Ereignissen wehrlos aus seinem Landei-Trott reißen läßt, wie ein lernendes Kind, das verborgenen Intuitionen folgt. Es ist sein Rhythmus und seine Stimmung, nach der sich jedes Element des Films ausrichtet. Selbst der zweite Erzählstrang um den selbstverliebten Kommissar Poulsen und eine anbandelnde Nachbarin, der zunächst mit einem wunderbar nordischen Humor ausgestattet ist, wird von Mommes atmosphärischen Kreisen zunehmend absorbiert. Diese sich von der ersten Minute an entwickelnde ätherische Romantik des Films wird in großartiger Manier von allen Kreativabteilungen unterstützt und durchgehalten, ohne daß sie auch nur einen Moment lang einen Bruch erleidet.

Kameramann Manuel Mack etwa findet für sein Cinemascope-Format fantastische Bilder, die allein Stimmungen zu unterstreichen, Untertöne zu betonen und Emotionen zu leiten vermögen. Pointierte Fahrten im Wechsel mit einer unheimlichen, schwebenden Handkamera begleiten die Narration. Editor Sebastian Schultz bremst das Tempo, wo möglich, und zieht es an, wo nötig, um auch in den Montagesequenzen zur tieftraurigen, aber wunderschönen Musik von Enis Rotthoff die Balance des Gesamtwerks zu halten. Mit der Ausnahme von Kommissar Poulsen, der sich als Figur ja über die große Rede definiert, setzt das Drehbuch von vornherein auf ein Minimum an Dialogen, läßt bewußte Leerstellen und scheint ansonsten auf die Komposition der Gewerke zu vertrauen.

Die blaue Grenze ist ein Augenschmaus und in seinem norddeutschen Flair beseelt von der herben Romantik, die sich hinter kühlen Fassaden und trüben Blicken verbirgt. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #40.
© 2012, Schnitt Online

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