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Black Book

Zwartboek. NL/D/GB 2006. R,B: Paul Verhoeven. B: Gerard Soeteman. K: Karl Walter Lindenlaub. S: Job ter Burg. M: Anne Dudley. P: Fu Works, Motel Films u.a. D: Carice van Houten, Sebastian Koch, Thom Hoffman, Halina Reijn u.a.
154 Min. NFP ab 10.5.07

Gegen das Gutmenschen-Kino

Von Martin Thomson Im Kino von Paul Verhoeven lassen sich drei zeitliche Ebenen verifizieren: Da wären die Zukunft, in deren Dystopien sich der Regisseur als zynischer Persifleur bevorzugt amerikanischer Gesellschaftsumstände verstand, die Gegenwart, die Verhoeven zum Ausgang für seine radikalen Antithesen zu bürgerlichen Lebensvorstellungen nahm, und da wäre die Vergangenheit, deren ideologischen Überbau er stets zu demaskieren wußte. Mit Black Book, den er nach zwei Jahrzehnten Aufenthalt in den USA wieder in Europa inszenierte, setzt Verhoeven da an, wo er damals mit Flesh and Blood, seiner blutigen Revision romantischer Mittelalter-Mythen, aufhörte.

Verhoeven hinterfragt eine Zeitspanne, die in jüngster Vergangenheit wieder auf großes filmisches Interesse stieß und dabei nur in Ansätzen Raum für Neudeutung zuließ. Im Gegenteil: Schon der Titel von Oliver Hirschbiegels Der Untergang etwa gilt als symptomatisch für den »Stunde-Null«-Mythos, der in der Befreiung seitens der Alliierten einen Triumph der europaweit Einzug haltenden demokratischen Grundwerte sah und somit als identitätsstiftende Initialzündung einer vormals unterdrückten und nun freiheitlichen Gesellschaft gewertet werden konnte. Verhoeven traut sich mit Black Book als erster kommerziell anzusehender Regisseur die von ehemaligen Widerstandskämpfern begründete, vermeintlich an humanistischen Werten orientierte Gesellschaftsordnung anzugreifen, indem er sie als an Selbstherrlichkeit und Profitgier den Nazis nicht unähnliche Manipulationsmaschinerie denunziert, die nach dem Krieg zwar den Besitzer, aber nicht die Methode gewechselt hat.

Dabei fängt Black Book fast schon zu schön an für einen Verhoeven-Film: Die elegischen Landschaftstotalen und die gemächliche Geschwindigkeit, mit der er sein Werk einleitet, untermalt von der anmutigen musikalischen Begleitung Anne Dudleys, bilden einen auffälligen Kontrast zum vormals bekannten Bilderrepertoire des niederländischen Regisseurs und dienen vor dem Hintergrund ihrer anschließenden Dekonstruktion dem perfiden Kalkül des Hitchcock-Afficionados Verhoeven, seinen Zuschauern unter der Falltür ihres gefährlichen Harmoniebedürfnisses Bilder zu liefern, die am Körper von Rachel zwischen Voyeurismus und Abscheu changieren.

Seinen ersten kalkulierten Bruch nimmt Verhoeven mit einer, im modernen Kino ungewohnten dramaturgischen Konzentration, im Angriff einer Fliegerstaffel vor, die jenes Haus in Rauch aufgehen läßt, in dem die jüdische Protagonistin Rachel zuvor innerhalb einer bekehrungswütigen Christenfamilie Unterschlupf finden konnte. Dem wiederum folgt ein Fluchtversuch vornehmlich wohlhabender jüdischer Familien, der gar wie eine Verkehrung jener Bilder der Deportation wirkt, die in filmischen Holocaust-Nacherzählungen sonst immer vorherrschen. Statt einen Auflauf verwahrloster Menschen aufzubieten, die von grimmigen SS-Männern in Viehwaggons getrieben werden, sind es hier wohlbetuchte Familien, die inmitten einer harmonischen Postkarten-Idylle von freundlich dreinblickenden Helfern auf das anliegende Fluchtboot gezogen werden. In jenen Szenarien offenbart sich bereits, daß Verhoeven es mit Black Book auf eine stetige Desillusionierung des Zuschauers abgesehen hat, die nie zur selbstzweckhaften Effekthascherei verkommt, sondern die Möglichkeit zur Neudeutung unseres eingefahrenen Vertrauens in das historische und filmische Bild aufzeigt – insbesondere anhand des hier offensichtlich zitierten Film Noir, einem ohnehin an Pessimismus nicht armen Sujet, dem Verhoeven durch seine schnörkellose Inszenierungsweise einerseits Tribut zollt und dessen Schmerzgrenze er andererseits schwer zu verletzen versteht. Denn so wie die Handlung vorangeht, werden auch die Bilder physischer und konkreter – und damit schmerzhafter.

Rachel gelangt ausgerechnet als mit Fleckfieber bedeckte Leiche im Sarg zur nächsten Station ihrer Odyssee und entsteigt ihm, sobald die Gefahr verflogen ist, als Wiederauferstandene. Auch hier nimmt Verhoeven eine Verkehrung der gängigen Motive vor. Die Umstände einer fundamental brutalen Gesellschaft bringen den Messias hervor, der jenseits religiöser Verklärtheit und ganz real ein Mensch ist, der sich vor der Welt verstecken muß, um ihr nicht ausgesetzt zu sein – indes ein Messias, dessen Wunden geschminkt sind und dessen Zersetzung sich in der inneren Verwundbarkeit seiner Weiblichkeit offenbart. Gerade hierzu findet Verhoeven pointierte Szenen, die aufgrund des abscheulichen Machismo ihrer Gegenspieler psychologisch Sinn machen und doch in ihrer visuellen Konsequenz schwer verdaulich sind. Verhoevens wahre Meisterschaft offenbart sich indes in der Tatsache, daß ihm über seinen metaphysischen Diskurs niemals der sensible Blick für seine Hauptfigur abhanden kommt, was nicht zuletzt wohl auch ein Verdienst der hervorragenden Hauptdarstellerin Carice van Houten ist.

Verhoeven hat mal gesagt, daß in der Anerkennung unserer »dunklen Seite« die Möglichkeit verborgen wäre, eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Letztendlich beraubt uns Verhoevens Körperkino, das uns auf dem Höhepunkt seiner mit jeder Einstellung vorangetriebenen Konsequenz nicht mal den Anblick einer mit Exkrementen übersäten Märtyrerin erspart, der Illusion nach einem »gerechten Kino«, beschenkt uns aber (insbesondere in seinem famosen Schlußbild) im Gegenzug mit dem viel wertvolleren Wissen, nicht unbedingt etwas »Wahres«, aber etwas »Wahreres« gesehen zu haben als jenes Gutmenschen-Kino, dem gerade jene Lügen entsteigen, die Black Book so glänzend aufzudecken versteht. 1970-01-01 01:00
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