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Black Snake Moan

USA 2006. R,B: Craig Brewer. K: Amy Vincent. S: Billy Fox. M: Scott Bomar. P: Paramount Classics, New Deal Productions. D: Samuel L. Jackson, Christina Ricci, Justin Timberlake, S. Epatha Merkerson u.a.
115 Min. Universal ab 5.7.07

Trash vs. Konvention

Von Maike Schmidt Lieber Leser und geneigter Kinogänger,

sollten Sie auf Ihrer Suche nach ersten Informationen zu dem Film Black Snake Moan Sätze wie »es ist ein emotionaler Horrortrip, dessen letzte Ausfahrt entweder Erlösung oder ewige Verdammnis heißt« zu lesen bekommen oder auf die arg an 1970er Jahre Trashästhetik erinnernde Plakatmotivauswahl stoßen, sei Ihnen hier eines ganz dringend ans Herz gelegt: Lassen Sie sich nicht irritieren. Dieser Film erzählt, wenn auch nicht koventionell, so doch von bekannt menschelnd-dramatischen Tragödien; es ist ein Film, der sich in keinster Weise über tradierte Rezeptionsgewohnheiten hinwegsetzt.

Ja, es stimmt, daß Christina Ricci so gut wie den ganzen Film halbnackt über die Leinwand huscht und ja, sie ist für ca. eine halbe Stunde mit einer Kette um den bloßen Bauch an einen Heizkörper gefesselt, doch das ist auch schon alles an merkwürdigen Perversitäten, wie sie der Film bzw. die dahinter stehenden Versprechungen der Werbetrommel zu prophezeihen suchen und schließlich zu bieten haben.

Im Grunde präsentiert sich hier ein Drama alltäglicher Gewalt. Traumatisierungen suchen ihre Kompensationen, was im Falle Riccis heißt, ungeheure Promiskuität. Die von ihr verkörperte Figur der Rae stolpert hilfesuchend durch die verschiedensten Betten, ohne einen Weg zu finden, Liebe auf eine nicht-körperliche Weise auszudrücken. Erst die Begegnung mit Lazarus, dargestellt durch Jackson, soll ihr eine neue Richtung bieten können. Und dies geht nicht, so seien Sie, lieber Leser, versichert, über »unmenschliche« Wege, wie einem die Pressenotizen erzählen wollen, sondern über den Weg des Gesprächs, der Musik und dem Erschaffen eines sicheren Ortes, an dem die Gespenster der Vergangenheit vertrieben werden können. Was sich zwischen beiden Figuren im Laufe des Films entwickelt, ist dann auch keine merkwürdige Art geschlechtlicher Liebe, sondern eine Vater-Tochter-Komposition, die über den anfänglichen Drogenentzug (dafür die Kette) in Kleiderkauf und letzlich liebender Verantwortung endet. Der Blues, weniger als akustische Untermalung, sondern Leitmotiv einer kulturellen Melancholie, tut hierbei sein übriges, die schwüle Hitze Memphis’ füllt die Bilder mit nötiger Schwere, die den Figuren einen Raum bietet, sich voll und ganz auf sich zu konzentrieren. Der Film gleicht damit einer Trauerarbeit, Trauer über verpfuschte Beziehungen und verlorene Kinder, Trauer über kaputte Elternhäuser und die eigene Unfähigkeit, ein Leben in Selbstachtung zu führen.

Warum nun Samuel L. Jackson ultrabrutal mit schwingender Kette und verschwitzt böse vom Plakat schauen muß und Christina Ricci verängstigt an der Heizung hängend hilfesuchend von eben diesem blickt, bleibt eine Frage, die im Grunde nur mit Publicity und einer hoffentlich nun nicht ausartenden, von Tarantino und Rodriguez mit Grindhouse ins Leben gerufenen Welle neuer Bildästhetik zu erklären ist. Vielleicht ein bißchen abgeschmackt, soll dies aber nicht über den Film selbt hinwegtäuschen, der sich dem zur Überraschung völlig zu widersetzen versteht. 1970-01-01 01:00
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