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Black Box BRD

D 2001. R,B: Andres Veiel. K: Jörg Jeshel. S: Katja Dringenberg. M: Jan Tilman Schade. P: Zero Films. D: Holger Grams u.a.
102 Min. X-Verleih ab 24.5.01

Zwei Leben in Deutschland

Von Stefan Rogall Vorsichtig schwebt die Kamera den Main entlang, bis sie vom Weg abkommt und stadteinwärts inmitten der Ansammlung imposanter Wolkenkratzer das ehrfurchtgebietende Hauptquartier der Deutschen Bank ins Visier nimmt – ein Symbol der Macht und der weltweiten Verstrickung von Politik und Geld, die in Deutschland zwischen 1970 und 1998 den gewaltsamen Protest der RAF auslöste. Regisseur und Autor Andres Veiel interessiert sich jedoch nicht für gesichtslose Symbole, sondern für die Menschen dahinter.

Wie in seinem preisgekrönten Vorgänger Die Überlebenden beschäftigt Veiel sich auch in seinem neuen Film mit den Lebensentwürfen zweier Verstorbener. Daß es sich dabei um Alfred Herrhausen, den 1989 ermordeten Vorstandssprecher der Deutschen Bank, und das 1993 zu Tode gekommene RAF-Mitglied Wolfgang Grams handelt, lädt den Film mit einer brisanten politischen Dimension und einem beklemmenden Gefühl andauernder Ratlosigkeit auf.

Noch immer ist nicht geklärt, ob Grams tatsächlich an Herrhausens Ermordung beteiligt war. Auch Grams Tod auf dem Bahnhof in Bad Kleinen durch einen aufgesetzten Schuß in den Hinterkopf, offiziell als Selbstmord beschrieben, bleibt ein Rätsel. In Black Box BRD maßt sich Veiel jedoch weder an, Erklärungen zu finden, noch Position zu beziehen. In einer Zeit, in der Journalismus häufig mit Sensationsbefriedigung mißverstanden wird, nähert sich der Filmemacher seinem Sujet erfreulich sensibel und taktvoll. In eindringlichen, aber nie aufdringlichen Interviews läßt er die Überlebenden zu Wort kommen: Herrhausens Witwe, Grams Eltern, die Freunde, die Kollegen. Veiel läßt ihnen die nötige Zeit, um das Leben von Alfred Herrhausen und Wolfgang Grams Revue passieren zu lassen. Aus diesen Episoden setzt sich Stück für Stück der Eindruck zweier Menschen zusammen, die gegensätzlicher nicht sein könnten und deren Schicksale trotzdem miteinander verknüpft scheinen. Das ist mal erschütternd, mal entlarvend, aber immer ergreifend. Gleichzeitig gelingt es Veiel und Cutterin Katja Dringenberg, durch eine kluge Montage falsche Sentimentalitäten zu vermeiden. Einsprengsel von Nachrichtenfilmen bringen die Aussagen der Hinterbliebenen in eine zeitgeschichtliche Balance.

Nie geht es Veiel um Täter und Opfer. Indem er Lebenslinien nachzuzeichnen versucht, will er vielmehr Mißverständnisse offenlegen. War Herrhausen ein eiskalter Karrierist, der sich rücksichtslos auf internationalem Parkett durchsetzte, und damit Symbolfigur für die Ausbeutung durch den Kapitalismus? Vielleicht. Er versuchte aber auch die Entschuldung der Dritten Welt zu erreichen und stieß damit auf verhängnisvollen Widerstand in den eigenen Reihen. Und Grams, der wie viele seiner Generation der spießbürgerlichen Enge entfliehen mußte und sich stets in Ideen verbiß, ohne wieder loslassen zu können? War er wirklich bereit, nach den Grundsätzen der RAF Menschenleben gegeneinander aufzurechnen und sein Gewissen auszublenden? Oder war die Verknüpfung dieser beiden so gegensätzlichen Schicksale bloß ein verhängnisvoller Irrtum? Einer, der im politischen Klima der letzten beiden Jahrzehnte vorprogrammiert war? Einer, der auch eine Menge über den Zustand des heutigen Deutschlands aussagt? Black Box BRD stellt die richtigen Fragen, drängt aber keine Antworten auf. Schon das macht ihn überaus sehenswert. 1970-01-01 01:00
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