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Black and White

USA 1999. R,B: James Toback. K: David Ferrara. S: Myron Kerstein. M: Oli »Power« Grant/Wu-Tang Clan u.a. P: Screen Gems and Palm Pictures. D: Power, Raekwon, Brooke Shields, Ben Stiller, Claudia Schiffer, Robert Downey jr., Mike Tyson u.a.
98 Min. Columbia TriStar ab 10.8.00

Die Ehrlichkeit der Straße

Von Thomas Warnecke Holprig rappend stolpern kleine Jungs durch den Central Park und beobachten aus sicherer Entfernung ihre großen schwarzen Brüder, wie sie mit zwei weißen Schulmädchen Sex haben. Die eine der beiden, gespielt von Bijou Phillips, kann nachher ihren stinkvornehmen Eltern (mit schwarzem Diener) nur schwer verkaufen, daß sie den Nachmittag in der Bibliothek verbracht hat, weil sie das Wort »Bibliothek« nicht richtig ausspricht und wohl auch nur eine entfernte Ahnung davon hat, was es bedeutet.

Von diesen zwei Seiten geht Regisseur James Toback an sein Thema heran: Wie für die kleinen Jungs, so geht auch für die Kamera ein großer visueller Reiz von den schwarzen HipHoppern und Gangstern aus, und für die Teenies aus der weißen Oberschicht verkörpern die Schwarzen das coole, wirkliche Leben; die einfache, direkte Sprache der schwarzen Szene ist ihnen näher als die klassischen Werte der weißen Bildungselite. So eröffnet Toback den Blick auf einen spannenden Ensemblefilm, wobei die Kamera von David Ferrara neben dem Soundtrack des Wu-Tang Clans am meisten zur großartigen atmosphärischen Dichte von Black and White beiträgt.

Hinzu kommt die Präsenz der Profi- und Laiendarsteller: Wu-Tang-Rapper wie Power und Raekwon bringen die street credibility mit, Elija Wood und Bijou Phillips im Debüt führen die Teenie-Riege an, und Claudia Schiffers Besetzung als Anthropologie-Doktorandin klingt zwar nach James Bond, schafft aber gelungene Szenen, wenn hinter dem Glamour-Girl die Intrigantin sichtbar wird; Ben Stiller und Robert Downey jr. schließlich liefern am Rande der Handlung eindrucksvolle kleine Charakterstudien ab. Einzig Brooke Shields wirkt manchmal etwas unbeholfen, was aber daran liegt, daß die mit ihrer Rolle als Dokumentarfilmerin verbundene Film-im-Film-Geschichte der schwächste Arm im weit verzweigten Geflecht von Black and White ist. Mittelpunkt der schwarzen Szene, sozusagen der geistige Übervater – auch wenn er in einem Anflug von Selbstironie einmal von sich sagt, daß er für Weisheit nicht gerade berühmt sei – und gleichsam physisches Epizentrum des Films ist Mike Tyson als er selbst. Durchaus nicht als sein eigenes Klischee inszeniert, scheint die Leinwand immer wieder von seinem bedrohlichen Potential, von seiner schieren Präsenz aufgeladen zu sein. Grandios die Szene, in der Robert Downey jr. Tyson anmacht und dieser, in seinen sprachlichen Mitteln unterlegen, langsam die Nerven verliert und gewalttätig wird.

Dabei, und das ist eine weitere von vielen Stärken von Black and White, kommt der Film fast vollständig ohne explizite Gewaltszenen aus, sondern erzeugt vielmehr durch das Zusammenspiel von Akteuren und Kamera und pointierten Dialogen eine bedrohliche Atmosphäre der Gewalttätigkeit. Wenn auch die deutsche Synchronisation, gerade bei den improvisierten Raps, fast unerträglich ist, zerstören kann sie die aufwühlende Wirkung von Black and White nicht. Es scheint, als ginge mit James Tobacks Film die Fun-Ära der Tarantinos & Co. mit ihren sprüche- wie selbstverliebten Inszenierungen zu Ende; und nach dem authentizitätsheischenden Gefuchtel der Dogma-Dänen ist hier eine Handkamera zu sehen, die im Dienste der besseren Fiktion den Bildern den Geruch von Straße, Realität, Leben verleiht. 1970-01-01 01:00
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