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Birth

USA 2004. R,B: Jonathan Glazer. B: Jean-Claude Carrière, Milo Addica. K: Harris Savides. S: Sam Sneade, Claus Wehlisch. M: Alexandre Desplat. P: New Line Cinema. D: Nicole Kidman, Lauren Bacall, Cameron Bright, Danny Huston u.a.
Warner ab 23.12.04

Traut Euren Bildern

Von Thomas Waitz Sehr viel Zeit nimmt sich Birth schon in seiner ersten Einstellung: Die Kamera folgt, langsam gleitend und in leicht erhöhter Sicht, einem Mann, der durch den verschneiten Central Park New Yorks läuft. Das blaue Licht des späten Nachmittags liegt über der Szene, andere Menschen sind kaum zu sehen. Nach langer Zeit kommt eine kleine Unterführung. Ein Gegenschuß aus der Distanz. Der Jogger, im Gegenlicht auf seine Silhouette reduziert, bricht zusammen. Langsam fährt die Kamera zurück. Ein furioser, ein atemberaubender Anfang – doch was noch kontemplativ scheint, gerät später schlicht langsam und zäh. Nichts gegen einen ruhigen Erzählfluß – aber einen verrätselten, in einer hermetischen Welt spielenden Thriller gleichzeitig fotographisch brillant, aber narrativ unfaßbar langweilig zu erzählen – das ist die eigentliche Leistung von Jonathan Glazer (und zu allergrößten Teilen das Versagen des Buches).

Hermetisch ist der Film, weil er sich ganz auf den Kern seiner Erzählung konzentriert. Es gibt keine Vielschichtigkeit, keine Beiläufigkeit, keine Gleichzeitigkeit in der Welt, die er imaginiert. Was eine Konzentration darstellen könnte, gerät Glazer jedoch zur Eindimensionalität. Letztlich fehlt den Figuren jegliche Fallhöhe, eine psychologische Tiefenstruktur, die es ermöglichte, daß sie auf der Ebene von Charakteren funktionieren könnten. Weil der Film auf der Ebene seiner Bilder, so scheint es, um die äußerst knappe Ressource der Emotionen weiß, versucht er sich immer wieder an lange gehaltenen Großaufnahmen der Gesichter seiner Schauspieler – einer Schauspielerin im besonderen: Dem Gesicht des Stars Nicole Kidman, die in einem Theater inmitten des Publikums sitzt und auf die Bühne blickt. Doch in dieser Spiegelung des Zuschauers ist nichts Unerhörtes, nichts Ungesehenes – die Zuschreibung einer Innerwelt verschiebt sich in die Beliebigkeit.

Im selben Moment, im dem der Jogger stirbt, kommt ein anderes Kind zur Welt. Besteht eine Verbindung zwischen dem Ende eines Menschenlebens und dem Beginn eines anderen – so orakelt der Film zwei Stunden. Die Antwort fällt denkbar banal aus. Und so bleibt viel Zeit, die der Zuschauer nutzen kann, ein Eichhörnchen im Hintergrund zu beobachten oder sich zu fragen, welchen Berufen die Statisten wohl in ihrem richtigen Leben nachgehen. Einmal kommt gar unfreiwillige Komik auf – als der durch und durch bemitleidenswerte, zukünftige Ex-Kinderstar Cameron Bright eine ordentliche Tracht Prügel bekommt. Das vermeintlich Skandalöse der gemeinsamen Nacktaufnahmen mit der in jeder Hinsicht blassen Hauptdarstellerin, das die Marketingmaschine der Produktion (im Gegensatz zum Film) auszustellen trachtet, gerät dabei zur Nebensache. Und zum Schluß wird dann auch noch einmal in einem Dialog der Twist erklärt, obwohl doch alles zu sehen war. In einem Film, der seinen eigenen, großartigen und großartig verschenkten Bildern nicht traut. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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