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Die Bettlektüre

The Pillow Book. GB 1995. R,B: Peter Greenaway. K: Sacha Vierny. S: Chris Wyatt, Peter Greenaway. D: Vivian Wu, Ewan McGregor, Ken Ogata, Yoshi Oida u.a.
123 Min. prokino plus ab 24.10.96

Amour écrit

Von Mark Potocnik Man schreibt mit dem Begehren,
und endlos ist mein Begehr.

(Roland Barthes)

Greenaways Welt ist eine potenzierte. Jedes Zeichen verweist nur auf andere Zeichen, hinter jedem Bild stehen andere Bilder und die Geschichten sind Splitter anderer, längst erzählter Geschichten. Die Bettlektüre bezieht sich sowohl inhaltlich als auch im Originaltitel auf das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon. Doch der Film ist mehr als eine Übertragung der amourösen Geschichte des japanischen Klassikers aus dem zehnten Jahrhundert in die Jetztzeit. Er ist Kopie und Fälschung, melancholische Nach- und groteske Weiterdichtung.

Nagiko Kioharas (Vivian Wu) Körper ist ein Buch. Die junge Japanerin, die in Hongkong lebt und dort als Modell arbeitet, liebt es, wenn ihre Liebhaber sie mit Schriftzeichen bemalen. Doch gute Kalligraphen sind meist nur schlechte Liebhaber, und das Tauschgeschäft ist unbefriedigend. Erst Jerome (Ewan McGregor), ein englischer Übersetzer, bringt sie auf die Idee, das Spiel umzudrehen und auf die Körper ihrer Liebhaber zu schreiben.

Am Anfang des Films stehen die Rituale in Nagikos Kindheit. Das Vorlesen der Tante aus dem Kopfkissenbuch der Sei Shonagon; der Geburtstagsgruß ihres Vaters (Ken Ogata) auf ihrem Gesicht; der Mythos von der Namensgebung des Geschöpfs durch den Schöpfer. Immer geht es in Greenaways Film um ein Tauschgeschäft, um den Besitz und das Begehren nach ihm. Und Besitz bedeutet Macht über den anderen, der den Besitz begehrt, Macht, ihn zu etwas zu zwingen, wie der Verleger (Yoshi Oida) von Nagikos Vater, der ihn zum Sex zwingt, da die Familie arm und auf Geld angewiesen ist.

In Die Bettlektüre sind die Bilder im Bild präsent, vermischen sich die unterschiedlichen Bildebenen und die Teile sind mehr als das Ganze; Greenaway greift auf die Paintbox zurück, die er schon in Prospero's Books benutzte und die es ermöglicht, mehrere Bilder gleichzeitig auf der Leinwand zu zeigen. Von diesem Nebeneinander der gegensätzlichen Bilder und Töne lebt Die Bettlektüre.

Nagikos in Schwarzweiß gefilmte Kindheit wechselt zu einer grell bunten Modenschau und der süßliche chinesische Schlager wird abrupt durch den urbanen Sound von U2 abgelöst. In weichen und feinen Farben gehaltene Innenräume kontrastieren mit den Neonreklamen in den Straßen Hongkongs. So gelingt dem Film eine Synthese aus drei unterschiedlichen Farbebenen, die ihn strukturieren und ihm sein Gesicht geben.

Die Bilder in früheren Filmen Greenaways waren Archive und Apokalypse der Bücher, ihr Paradies und Purgatorium; in Die Bettlektüre werden immer wieder die Pergamentseiten aus dem Kopfkissenbuch gezeigt, oft im hinteren Bild, während die Geschichte Nagikos gleichsam als Kommentar ihnen vorgeblendet wird. Auf den Wänden erscheinen Schriftzeichen, und Blätter fallen durchs Bild wie der Regen, der auf Nagiko tropft und die kalligraphischen Inschriften auf ihrem Körper abwäscht.

Zweimal wird sie ihre Bücher verbrennen und den Ort, an dem sie bisher wohnte, verlassen. Doch Flucht ist in Greenaways Filmen vergeblich, sei es Michael in Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber oder Kracklite in Der Bauch des Architekten oder seien es die gestrandeten Schiffbrüchigen auf Prosperos Eiland, niemand entkommt seiner Geschichte. Nagiko flieht vor ihrem Ehemann, einem Neffen des Verlegers, nach Hongkong, doch auch dort holt sie die Vergangenheit ein, in Person des Verlegers, der der Liebhaber Jeromes ist.

Um sich an ihm zu rächen, geht sie mit Jerome ein Tauschgeschäft ein. Sie wird auf seinen Körper Gedichte schreiben, die er seinem Liebhaber zeigen soll, damit dieser sie kauft. Endlos ist das Begehren nach den Zeichen und der Besitz nur ein Aufschub. In der Kunst, in der unendlichen Zirkulation der Zeichen und Zahlen ist das männliche Machtprinzip zum Untergang verurteilt. So, wenn Jerome der Farbe Blau, der Farbe des Wassers, zugeordnet wird: fear of drowning heißt der ewige Begleiter des Mannes.

Greenaways Film liegt irgendwo jenseits der Worte und der Welt. Seine Kunst ist immer rückverweisend auf andere Kunst, sie markiert die Differenz zwischen sich und der Welt, und nur der Tod gibt als Bote von ihr ironisch Kunde. Wenn auch in Greenaways Kosmos manchmal ein wenig zuviel ego ist, so ist Die Bettlektüre ein weiterer Randgang auf dem schmalen Grad zwischen Kunst und Tod – taubleau vivant und nature morte der Kunst. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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