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Beste Zeit

D 2007. R: Marcus H. Rosenmüller. B: Karin Michalke. K: Helmut Pirnat. S: Anne Loewer. M: Gerd Baumann. P: Monaco Film GmbH. D: Anna Maria Sturm, Volker Bruch, Rosalie Thomass, Andreas Buntscheck u.a.
95 Min. Constantin ab 26.7.07

Wo die Bäume aus Holz sind

Von Tamara Danicic »Es kannt sei, daß die besten Zeiten schon vorbei san« – eine schreckliche Vorstellung. Zumal wenn man bisher aus Tandern, einem Dorf nördlich von München, nicht hinausgekommen ist. Zumal wenn man die Chance hat, für ein Jahr nach Amerika zu gehen, sich aber fragt, ob es sich überhaupt lohnt, dafür die beste Freundin, die bisher größte Liebe, die Familie und die Heimat zurückzulassen. Nachdem es ja möglicherweise eh nicht mehr besser wird. Zumal, wenn man gerade 17 geworden ist.

Nach dem fulminanten Erfolg von Wer früher stirbt, ist länger tot sowie dem etwas weniger fulminanten Erfolg von Schwere Jungs legt Marcus H. Rosenmüller wieder nach. Beste Zeit ist der erste Teil einer Trilogie, die im Laufe der nächsten zwei Jahre mit Beste Gegend und Beste Chance fortgeführt werden soll. Im Mittelpunkt der jugendlichen Irrungen und Wirrungen: die zwei Busenfreundinnen Kati und Jo. Es geht um Identitätssuche, Fernweh, Heimat – oder, wie es zu Beginn des Films so treffend heißt, um »Fahrtwind und Freiheit. Sehnsucht und Liebe. An Tschick [für alle des Österreichischen nicht Mächtigen: eine Zigarette] und a Bier. Und den Vollmond als Wegweiser.« Also um eine klassische postpubertäre Gemengelage, in der Fahrtwind, Träume und Kippen eins sind und zu einem allumfassenden Lebensgefühl verschmelzen.

Dazu muß man sicherlich nicht aus dem süddeutschen Freistaat sein. Und auch nicht unbedingt eine Landjugend hinter sich haben. Allerdings ist Rosenmüllers größtes Pfund – mit dem er durchaus auch zu wuchern weiß – die Verankerung im bayerischen Hinterland und im bayerischen Dialekt. Zusammen mit Thomas Kronthaler (Die Scheinheiligen), Stefan Betz (Grenzverkehr) und Matthias Kiefersauer (Wunderbare Tage) ist er zur Speerspitze des neuen Heimatfilms geworden. So wie eine ganze Menge Berliner Kollegen haben auch diese jungen Filmemacher der großen Stadt den Rücken gekehrt und sind mit ihren Filmen in die Provinz gegangen. Doch während sich die einen (die Berliner) mit heiligem Ernst und seismographischem Gespür für gesellschaftliche Befindlichkeiten ihre Sujets in Gegenden suchen, mit denen sie zum Teil keinerlei Wurzeln verbinden, geht es bei den anderen (den Bayern) immer auch um die weißblau-rautengemusterte Heimat.

Nicht daß diese Objekt einer tiefer schürfenden Auseinandersetzung wäre. In der Regel geht es vor allem anderen um die ungebrochene Lust am Komödiantischen, am burlesken Volkstheater. Auch Marcus Hausham Rosenmüller hat seinen Hang zur leichten Muse schon zu Genüge unter Beweis gestellt: bei Wer früher stirbt, ist länger tot – oder, noch viel mehr, in seinem Hochschulübungsfilm Nur Schreiner machen Frauen glücklich (1999), einem »bayerischen Singspiel«. Beste Zeit hingegen setzt keineswegs auf den knalligen Humor, der Rosenmüller seinen Weg in den deutschen Filmakademie-Olymp geebnet hat, sondern eher auf die Erinnerung an die Zeit, als man süße 17 war und das Leben noch in einer völlig anderen Intensität wahrnahm. Vor einer nicht wirklich malerischen Landschaft (ohne jedes Fototapeten-Bergidyll) wird eine bittersüße Coming-of-Age-Geschichte erzählt, die von ihrem Grundgefühl an Hans-Christian Schmids Crazy erinnert. Weil auch sie den richtigen Ton trifft und die richtigen Darstellerinnen hat.

Für die Drehbuchautorin Karin Michalke ist Beste Zeit die Abschlußarbeit an der Münchner Filmhochschule. Sie kommt selbst aus Tandern und weiß offenkundig, wovon und in welchen (dialektal geerdeten) Worten sie zu sprechen hat, um einen Nerv zu treffen. Was die Besetzung betrifft, so stechen die zwei Protagonistinnen heraus, die Falckenberg-Absolventin Anna Maria Sturm sowie Rosalie Thomass, die für ihre Rolle im Polizeiruf 110: Er sollte tot… u.a. mit dem Grimme-Preis 2007 ausgezeichnet wurde. Gemeinsam tragen sie die Geschichte und kaschieren mit ihrem überzeugenden Spiel nicht zuletzt auch Rosenmüllers stilistische Einfalt. Denn allzu hohe Erwartungen an die Inszenierung kann man getrost zu Hause lassen. So verläßt sich der Regisseur mehr als einmal auf die Großaufnahme seiner Protagonistin, um emotionale Nähe herzustellen. Einfallsreichtum sieht anders aus. Umso erstaunlicher, daß der jungen Anna Maria Sturm das Kunststück dennoch gelingt. 1970-01-01 01:00

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