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Besser als Schule

D 2003. R: Simon X. Rost. B: Anja Detzner, Christoph Bob Konrad. K: Stefan Unterberger. S: Oliver Keidel, Carina Mergens. M: Thorsten Puttenat. P: Schokolade Film Produktion, Stefan Reiss Filmproduktion, MMC Independent. D: Eric Benz, Gabriel Andrade, Thorsten Feller, Melanie Wichterich u.a.
90 Min. Universum ab 29.4.04

Setzen, sechs!

Von Judith Bömer, Birgit Joest Popgeschäft und pubertäre Hysterie sind Phänomene des modernen Lebens, die spätestens seit den Beatles fruchtbar Hand in Hand gehen. Das dachten sich auch die Macher von Besser als Schule: Einen Film über die Liebe in Zeiten des Starkults wollten sie daher machen, und zwar in Zeiten der auf alle erdenklichen Arten gecasteten, bemerchandisten und sonst wie medial hochgepuschten Stars. Der durchschnittliche Junge von nebenan hat es da bei gleichaltrigen Mitschülerinnen naturgemäß eher schwer, das muß Steven am eigenen Leib erfahren. Nach einer Kollision auf dem Schulflur verliebt er sich in die »Querflöte« Dana, die sein bester, stets streetgolfender Freund Gonzo wiederum reichlich spießig findet. Stevens hilflose Annäherungsversuche unter Gonzos Anleitung scheitern kläglich, und als obendrein der Manager des Schmusesängers Marc beschließt, diesen an just jenem Gymnasium als PR-Gag das Abi nachholen zu lassen, guckt Steven vollends in die Röhre.

Bei der nun folgenden Eroberung der Dame des Herzens ergeben sich nicht nur die im Drehbuch von Anja Detzner und Christoph Bob Konrad für die Protagonisten vorgesehenen, sondern auch zahlreiche unbeabsichtigte Probleme. Stilistisch gerät die »romantische Teeniekomödie« Besser als Schule völlig unentschlossen, die Geschichte bemüht-konstruiert: Die erotischen Nöte 12- bis 15jähriger als die von Abiturientinnen und Abiturienten zu verkaufen, ist nicht überzeugend. Emotionale Verirrung in Zeiten der Teeniestars ist bereits eine Angelegenheit von Kandidaten, die ohne Erziehungsberechtigte gar nicht ins Konzert des Idols, geschweige denn hinter die Bühne kommen, bedenkt man etwa das durchschnittliche Fan-Alter von Bands wie Overground. Wenn Dana mit ihren tiefdekolletierten Freundinnen auf ihrem Zimmer sitzt und über wahre Liebe, erstes Mal, eben den »Richtigen« – in Personalunion mit dem »Ersten« übrigens – sinniert, sorgt einzig die Requisite mit Push Up-BHs und Bierdosen dafür, daß wir es nicht mit Neuntklässlerinnen zu tun haben. Entsprechend beißt sich die naive Märchenprinzverehrung Danas für Sänger Marc mit ihrer Vorstellung von der Liebe fürs Leben und der rationalen Grundhaltung der Figur. Doch Abiturienten müssen's schon sein, denn Mittlere Reife nachholen wäre für ein Popidol mindestens so uncool wie für Gonzo und Steven zu zweit auf einem Mofa statt im liebevoll dekorierten Boliden durch die namenlose Heimatstadt zu brettern. Endgültig bricht der Plot einem Kartenhaus gleich in sich zusammen, wenn der windige Musikproduzent seinem Schützling Marc auf einer Party zuzischt: »Du sollst sie nur küssen und nicht gleich flachlegen, die ist minderjährig!« Nun, das könnte man angesichts der Geschichte schon meinen, passender wäre es allemal, nur: Es stimmt einfach nicht. Indem Waldemar Kobus als Ralph das Dilemma des Films ausspricht, verplappert sich gewissermaßen das Drehbuch.

Das größte Manko dieses Films ist jedoch, daß einfach kein Kino daraus geworden ist. Das Wiedersehen mit Daily Soap-Darstellern von Unter uns und Marienhof auf der Leinwand ist zwar ein ehrenwerter Versuch, unverbrauchte Kinogesichter zu zeigen, jedoch ein gescheiterter. Gabriel Andrade, Melanie Wichterich, Eric Benz und Thorsten Feller emanzipieren sich nicht überzeugend von ihrem Serienimage, sondern erscheinen als dessen Abziehbildchen. Die Charaktere werden ebenso beliebig behandelt wie der Ort des Geschehens: Gedreht wurde in Stuttgart und Zeitz, doch man bekommt einfach kein Gefühl für die Stadt, in der sich die Handlung abspielt. Auch über Stimmungen, Befindlichkeiten wird einfach hinweggegangen. Die Geschichte als signifikanten Abschnitt in einer persönlichen Biographie einzufangen, gelingt nicht; ein lapidarer Hinweis aufs bestandene Abitur und die Zeit danach muß genügen. Überzeugend ist einzig der Soundtrack, gut Philip Hagmann in der Rolle des Jack.

Besser als Schule fehlt der satirische Biß und die subtile Überzogenheit von ähnlich gelagerten Filmen wie beispielsweise Welcome to the Dollhouse ebenso wie die Lebensnähe von Absolute Giganten, gleichwohl man sich hier die ein oder andere Idee abgeguckt hat wie etwa das aufgemotzte Auto, Gonzos und Stevens rollendes Wohnzimmer. Auch die Kamera sucht stilistisch ihr Heil im Zitat: hier ein bißchen Pulp Fiction, da ein wenig Sternensucher. Dabei hätte man mit etwas mehr Mut zumindest eine Teenie-Komödie à la American Pie herausholen können, Logik hin oder her. Statt den Schwung einiger gelungener Szenen- und Dialogeinfälle zum Überschlag zu nutzen, verpuffen originelle Ansätze am eigenen moralischen Anspruch: kein Klamauk, sondern Botschaft. Die Jungs gehen ihren eigenen Weg, die Mädchen warten derweil auf den Richtigen. Und wenn dann Herzchen auf Danas Bluse rot erglühen, wird's endgültig Bravo-TV. 1970-01-01 01:00
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