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Besessen

Possession. USA 2002. R,B: Neil LaBute. B: David Henry Hwang, Laura Jones. K: Jean-Yves Escoffier. S: Claire Simpson. M: Gabriel Yared. P: USA Films. D: Gwyneth Paltrow, Aaron Eckhart, Jeremy Northam, Jennifer Ehle u.a.
103 Minuten. Warner ab 28.11.02

Literaturrecherche

Von Matthias Grimm Wie gut, daß Hollywood keine Ahnung hat, wie langweilig die Arbeit von Literaturwissenschaftlern ist. In Hollywood, das muß so sein, weil es dem Prinzip der Erzählung entspricht, wird jede Berufsgruppe auf den einen Prototyp aller Berufsgruppen reduziert: den Detektiv.

Literaturwissenschaftler, oder auch alle anderen, die mit Büchern zu tun haben, wie etwa Johnny Depp in The Ninth Gate, sind im Wesentlichen Detektive: Sie decken doppelte Identitäten (natürlich von Schriftstellern) auf, kommen geheimen Affären auf die Spur (diese wurden vorzugsweise in staubigen Geheimverstecken alter Schlösser verlegt), haben grundsätzlich einen bösen Widersacher und kriegen am Ende das Mädchen (eine Literaturwissenschaftlerin!). Wie gut, daß Hollywood keine Ahnung von Literaturwissenschaftlern hat. Dumm nur, daß es langweilige Filme über sie macht.

Besessen ist eigentlich keine Detektiv-, sondern eine Liebesgeschichte. Zwei in einer sogar, um genau zu sein. Während sich Aaron Eckhart und Gwyneth Paltrow in der Gegenwart bei ihrer Spurensuche näherkommen, wird parallel dazu in Rückblicken erzählt, wie Jeremy Northam und Jennifer Ehle im vorigen Jahrhundert an ihrer gesellschaftlich mißbilligten Affäre entflammen und schließlich verglühen. Schade, daß keine davon richtig spannend ist, weder in ihrer Funktion als Liebes- und erst recht nicht in der als Detektivgeschichte. Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, warum jemand einen solchen Film dreht, aber ich habe eine Theorie: »Dialektik«, so steht es im Duden, »ist die Methode zur Wahrheitsfindung durch Denken in Gegensatzbegriffen.« In Besessen sind so viele Gegensatzbegriffe enthalten, daß sie zwangsweise zu einer Wahrheit finden müssen, nicht zuletzt, weil eine Detektivgeschichte immer nach Wahrheit strebt und eine Liebesgeschichte von Wahrhaftigkeit handelt. Da sind zum Beispiel die Gegensätze zwischen Gegenwart und Vergangenheit, liberalem Unabhängigkeitsdenken und sozialem Korsett; zeitgemäßer Flachs und spießbürgerliche Romantik. Da muß die zugeknöpfte Britin vom lockeren Amerikaner erst wachgeküßt werden, und die augenscheinlich in ihren Moralvorstellungen so antiquierte Vergangenheit entpuppt sich als hochmodern mit Lesben und so. Ganz wichtig ist mit Sicherheit auch die Dichotomie von platonischer und leidenschaftlicher Liebe, welche die titelgebende Besessenheit markieren dürfte, von der aber wenig zu spüren ist. Da werden meistens nur Briefe geschrieben (in der Vergangenheit) und Briefe gefunden (in der Gegenwart). Zwischendurch gibt's Küßchen und verschämte Blicke.

Und was ist nun die Wahrheit, die dabei herauskommen soll? Wahrscheinlich das einzige, von dem Hollywood wirklich Ahnung hat: Ende gut, alles gut. 1970-01-01 01:00
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