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Berlin is in Germany

D 2001. R,B: Hannes Stöhr. K: Florian Hoffmeister. S: Anne Fabini. M: Florian Appl. P: dffb/Luna Film/ORB/ZDF. D: Robin Becker, Thomas Jahn, Julia Jäger, Edita Malovcic, Jörg Schüttauf u.a.
93 Min. Piffl ab 1.11.01
Von Thomas Waitz Am Ende von Berlin is in Germany tritt Martin zum zweiten Mal aus dem Gefängnis. Das Tor schließt sich. Die Straße liegt offen dar, und es braucht nicht viel, sie hinunterzugehen. Dann könnte ein anderer Film beginnen, und diesmal scheint so etwas wie eine hoffnungsvolle Zuversicht auf allem zu liegen.

Martin Schulze ist der letzte Ossi. Als 1989 die Mauer niedergekämpft wird, sitzt er im Knast. Elf Jahre später, am Tag seiner Freilassung, stehen auf den Baustellen der Stadt längst die Kräne. Sie räumen das Gestern beiseite, und aus den Trümmern der Vergangenheit hat die Stadt begonnen, sich noch einmal neu zu erfinden. Die Straßen sind geblieben, aber sie tragen neue Namen. Ganz lange ist da nur ein aufmerksames Beobachten. Für Martin, der erst lernen muß, sein Wissen von der neuen Wirklichkeit, das aus dem Fernsehen stammt, am Leben selbst zu überprüfen.

Das scheinbar abwartende, nüchterne Beobachten ist aber auch die Haltung des Filmemachers zu seinen Figuren. Wir folgen dem Verschütteten in die Außenwelt. Die vorbeischimmernde Landschaft beim Blick aus dem Zugabteil. Die Automaten der Stadtbahn. In der doppelten Freiheit angekommen zu sein, das heißt für Martin nichts anderes als: in der Fremde. Die Erinnerung ist unsichtbar geworden. In einer Rückblende erfahren wir später den Grund für Martins Knastaufenthalt, und es ist natürlich einer, der beim Zuschauer auf mildernde Umstände spekuliert: Versuchte Republikflucht, Totschlag im Affekt. Das hat Stöhrs Film gar nicht nötig. Er konzentriert sich ganz auf die Innenwelt seines Protagonisten, ohne aufgesetzt eine politische Perspektive zu entwickeln, aber auch ohne falsche Larmoyanz oder poetische Verklärung.

Florian Hoffmeisters Kamera löst den Umherziehenden, nach-Halt-Suchenden mittels Teleobjektiv und in langen Einstellungen aus seinem Umfeld. Ein Umfeld, das dem Zuschauer fremdvertraut erscheinen muß, wie unter einem Schleier, der sich über die Dinge gelegt hat, wartend darauf, fortgewischt zu werden. Doch je mehr sich der von Jörg Schüttauf äußerst sensibel gespielte, sich an seinem schieren körperlichen Selbst fast erdrückende Mensch in der Haltlosigkeit zu verlieren scheint, desto näher kommen wir ihm. Stöhr und Hoffmeister haben dafür eine filmische Sprache gefunden, die in kargen, einfachen Bildern die Mise-en-Scène stützt, unaufdringlich, leidenschaftslos.

Wie ein langsames Vortasten scheinen Martins Bemühungen, wieder Fuß zu fassen, einen Anschluß zu finden. Und dann steht er auf einmal vor der Tür bei Manuela, seiner Exfrau. Im Flur. Im Wohnzimmer. Schon sitzt am Tisch, am falschen richtigen Platz, bei den Gästen aus Süddeutschland, und wird aufgefordert: Erzählen Sie doch mal, wie das damals war, im Osten. Man höre diese Geschichten doch so gerne. Nur: Was Martin zu erzählen hätte, ist ja gar keine Geschichte. Es ist sein Leben. Eins, das zu sperrig ist, um es in ein paar Sätzen den Fremden zu erklären.

In Deutschland sind in den letzten Jahren zu oft Filme erzählt worden, die auf obszöne Weise nicht den kleinsten Bezug zu einer wie auch immer gearteten Lebenswirklichkeit hatten. Stöhr hat einen Film gemacht, der sich traut, von einer Wirklichkeit zu berichten, die ganz anders ist als das, was erwartbar wäre, und der in seinem vordergründigen Unspektakulärsein zum eindrucksvollsten gehört, was seit langem zu sehen war. 1970-01-01 01:00

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