— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Berlin Babylon

D 1996-2000. R,B,P: Hubertus Siegert. K: Ralf K. Dobrick, Thomas Plenert. S: Peter Przygodda, Anne Schnee. M: Einstürzende Neubauten.
88 Min. S.U.M.O. Film und Philip Gröning Filmproduktion. ab 27.9.01
Von Mark Stöhr 1989, nach dem Sturz der Mauer, erstreckte sich in der Mitte Berlins plötzlich ein riesiges Stück Leere: Die ›Republik Potsdamer Platz‹ wurde daraufhin ausgerufen, ein fragiles Reservat der Utopie auf dem Gebiet des ehemaligen Todesstreifens, wo neue Visionen des Zusammenlebens ihren Platz finden sollten. Doch wenig später entdeckten die Immobilienscouts multinationaler Konzerne wie Daimler-Chrysler und Sony das Gelände als geeigneten Ort für ihre Prestigebauten und besetzten es für wenig Geld.

Hito Steyerl begab sich in ihrer dokumentarischen Text-Bild-Collage »Die leere Mitte« 1998 auf archäologische Spurensuche und dekonstruierte die verschiedenen politischen und architektonischen Umdeutungen und Überfrachtungen von ›Berlin-Mitte‹: Aus dem Reichstag wurde Hermann Görings Luftfahrtsministerium, später dann das Haus der Ministerien der DDR, aus den Trümmern von Hitlers Reichkanzlei das Kriegerdenkmal der Roten Armee. Jeder neue Bauherr wischte sich den Dreck des vorherigen von den Schuhen und legte seinen Grundstein doch im alten Fundament. Nun sind sie wieder da, die Tabula Rasa-Racer aus aller Herren Länder, Architekten, Ingenieure, Poliere und Maurer, um für alle Ewigkeiten Schluß zu machen mit der Leere, die nicht sein darf. Wie damals die Babylonier, die die Leere zwischen sich und Gott nicht ertragen konnten. Als ihr Turm unter Nebukadnezar endlich fertig wurde, betrat Alexander der Große die Stadt und riß ihn ein. Um einen neuen zu bauen, wie es hieß. Doch der Bauplatz blieb: leer.

Gleich Walter Benjamins getriebenem ›Engel der Geschichte‹ fliegt die Kamera in Hubertus Siegerts Film Berlin Babylon durch eine Stadt zwischen zehn Jahren Demontage und Aufbau – »im Begriff, sich von irgendetwas zu entfernen, worauf er starrt…Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.« Von den Unterwasserbetonierern auf dem überfluteten Grund des Lehrter Bahnhofs schwingt sie sich hoch zu den schmalen Gerüststegen auf dem Hochplateau des noch im Rohbau befindlichen Sony Centers, streift die hell erleuchtete Kuppel des Reichstags und fährt die Fassaden der ›DDR-Moderne‹ in der Karl-Marx-Allee ab. Sie beobachtet die eilig eingeflogenen Star-Architekten, die sich wie von der Kette gelassene Räumungskommandos auf jeden Millimeter alte Bausubstanz und jedes Fleckchen unbebauten Baulandes stürzen, belauscht ihre Gedanken und Selbstgespräche und begleitet sie zu den Planungsmeetings mit den Stadtoberen und neobarocken Richtfesten im geladenen Kreis. Jeder darf sein eigenes Tattoo in den Körper dieser Stadt ritzen, die darüber ihr Gesicht verliert. In den Totalen beim Schwebeflug über den Dächern Berlins wird die Kamera zur Archivarin von Stadtgeschichte und Dokumentaristin einer radikalen Neuschreibung von Geschichte, die den Nullpunkt ersehnt und doch nur leere Oberflächen produziert. Manchmal verweilt der Blick, in zerschlissen Hinterhöfen oder auf karstigen Brachflächen, wo die Stadt noch ihre Geschichten aufbewahrt hält. »Auf dem schnell verschütteten Stehplatz kommt der glücklose Engel zur Ruhe«, heißt es bei Heiner Müller, »wartend auf Geschichte.« Man möchte hinzufügen: auf seine eigene. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap