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Berlin – Sinfonie einer Großstadt

D 2002. R,B,K: Thomas Schadt. S: Thomas Wellman, Stefan Krumbiegel. M: Iris ter Schiphorst, Helmut Oehring. P: teamWorx, Odyssee-Film.
80 Min. ottfilm ab 11.4.02

Stadt-Remake

Von Dietrich Brüggemann Die Idee einer Neuauflage von Walter Ruttmanns Klassiker scheint so offen auf der Straße zu liegen, daß man sich fast wundern möchte, wenn es erst jetzt geschieht. Hat doch der Berlin-Hype seinen Höhepunkt schon ein wenig überschritten, und bei der Nennung des Namens kommen einem am ehesten gigantische Finanzlöcher in den Sinn.

Thomas Schadt kamen anscheinend noch andere Dinge in den Sinn, als die Idee ihm nicht etwa von selbst durch den Kopf ging, sondern, wie er im Presseheft ganz unbekümmert verrät, im Frühjahr 2000 in der Kneipe von einem Kritiker eingeflüstert wurde. Natürlich ist der Gedanke so einfach wie schlagend, das neue Berlin einmal mit den Mitteln des alten anzusehen. Er ist eigentlich ein klassisches Beispiel für die naheliegende gute Idee, die man aber erstmal haben muß.

Walter Ruttmann kam seinerzeit aus einer Kunstrichtung, die heute kaum mehr existiert. Er träumte vom absoluten Film, der analog zur abstrakten Kunst keiner Wirklichkeitsdarstellung mehr verpflichtet sei und sich von der Verwendung der Mittel anderer darstellender Künste emanzipieren sollte. Für Ruttmann war Berlin – Sinfonie einer Großstadt also ein Schritt weg von der Abstraktion, hin zur Wirklichkeitsdarstellung. Für den Dokumentarfilmer Thomas Schadt hingegen führte der Schritt in die entgegengesetzte Richtung.

Herausgekommen ist zunächst einmal ein recht beeindruckendes Werk. Allein der Anfang ist grandios: Suchscheinwerfer tasten sich durch den Himmel, Silvesterraketen explodieren über dem Gendarmenmarkt, dann tastet die Kamera sich, wie einst bei Ruttmann, in einer langen Sequenz durch die menschenleere Stadt am frühen Morgen. Die Musik, eingespielt vom Sinfonieorchester des SWR, klingt hier noch frisch und in jedem Takt aufregend. Menschen erwachen, Produktionsanlagen laufen an, mit jedem Schnitt steigert sich die Spannung bis hin zur grandiosen Totalen einer riesigen Halle, in der an schlangengleich gewundenen Förderbändern frisch gedruckte Zeitungen kreuz und quer, hinauf und hinab durch den Raum laufen. Man fühlt sich an die Visionen eines Terry Gilliam erinnert, die Musik steigert sich weiter, man fragt sich, was denn jetzt wohl noch kommen mag – und sieht als nächstes zwei halbfertige Waschmaschinen, die auf Förderbändern aneinander vorbeifahren. Die Musik bricht ab. Enttäuschung auf der ganzen Linie.

Hier zeigt sich das Problem, das sich durch den ganzen Film zieht. Er fühlt sich den Formen verpflichtet, die schon Ruttmann verwendet hat, und kann dabei nicht wirklich etwas mit ihnen anfangen. Ruttmanns Film von 1927 beispielsweise ist in Schwarzweiß gedreht. Warum? Weil Kino eben damals schwarzweiß war. Thomas Schadts neuer Film ist ebenfalls schwarzweiß. Warum? Weil Kino damals schwarzweiß war? Hier wäre es vielleicht besser gewesen, sich bewußt gegen die Formen des Überkommenen abzugrenzen und jede Entscheidung neu und für unsere Zeit zu treffen, in der beispielsweise das Schwarzweißmaterial einen gänzlich anderen Kontext mit sich herumträgt als damals.

Ähnlich verhält es sich mit der Musik. Was damals auf der Höhe der Zeit war, klingt im neuen Film nicht unbedingt anders, ist aber eben keine Avantgarde mehr. Die Kompositionen von Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring sind den Idealen der »Neuen Musik«, der zeitgenössischen Klassik verpflichtet, die aber in den letzten Jahrzehnten gegen die stetig komplexer werdende Popularmusik immer mehr an Bedeutung verloren hat und auch dem gebildeten Zeitgenossen kaum mehr etwas zu sagen vermag. Samples und E-Gitarren, die gelegentlich mitmachen dürfen, bleiben störende Fremdkörper. Die Musik, die anfangs noch spannend schien, verkommt im Lauf des Films immer mehr zur abstrakten, leicht nervigen Klangtapete. Berlin klingt heute anders.

Ein weiteres Beispiel sind die Industrieanlagen, Rotationsmaschinen, Fließbandbäckereien, Zigarettenfabriken, denen Schadt sich ausführlich widmet. Einmal davon abgesehen, daß Bilder von laufenden Produktionsmaschinen heute in jeder Hinsicht etwas ganz anderes bedeuten als damals, bleibt die Tatsache, daß Berlin vor 75 Jahren die Industriestadt war, die es heute nicht mehr ist. Die großen Werke stehen längst ganz woanders. Die Differenzqualität ist weg, Industrie ist kein Element mehr, das die Großstadt Berlin vom Rest des Landes unterscheidet. Man hätte ebensogut die Maschinenaufnahmen aus dem alten Film in den neuen einschneiden können – der Effekt wäre nicht grundlegend anders gewesen. Immer wieder hat man das Gefühl, daß Ruttmanns Original als Legitimation für Bilder dienen muß, die eigentlich hier nichts zu suchen hätten. Wo Ruttmanns Film zu den Menschen seiner Zeit sprach, da bekommt Schadts Neuinterpretation durch all diese Grundsatzentscheidungen einen seltsam rückwärtsgewandten und damit lebensfernen Grundton.

Wobei es genügend Momente gibt, in denen der Film an Leben gewinnt. Es sind immer die Stellen, an denen Menschen im Mittelpunkt stehen. Hier meint man zu spüren, wie Schadt sich wohl fühlt, wie er das Erbe des Klassikers abschüttelt und auf eigenen Beinen steht. Hier findet er immer wieder erhellende Bilder, die mehr aussagen als das bloß Sichtbare, und es gibt genügend davon, um den Film als Ganzes sehenswert zu machen. Doch sobald es wieder mechanisch wird, Maschinen laufen, Räder sich bewegen, da sieht es wie eine Pflichtübung aus, die man eben macht, weil Ruttmann es auch gemacht hat. Der eingangs erwähnte Schritt vom Dokumentarischen hin zum Abstrakten, musikalisch Geordneten, er ist Schadt nicht wirklich gelungen. Menschen kann er, doch eine Sinfonie in Bildern gelingt ihm nur an einigen Stellen. Zumeist fehlt die schöpferische Dichte des Originals.

Wollte man heute einen Film namens Berlin – Sinfonie einer Großstadt machen, ohne sich dabei um einen Schwarzweißfilm aus dem vorigen Jahrhundert zu scheren, so sähe das Resultat sicher ganz anders aus als der Film, der jetzt diesen Titel trägt. Das ist sein Problem: Er ist als Remake zu sehr dem Original verhaftet. Fatal für einen im Kern immer noch dokumentarischen Film, bei dem sich in 75 Jahren nicht nur die Bilder, sondern auch die Inhalte und die Rezeptionserfahrungen des Publikums geändert haben. 1970-01-01 01:00
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