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Beijing Bubbles

VR/D 2004-2005. R,B: George Lindt, Susanne Messmer. K: Lucian Busse, George Lindt. S: Lucian Busse. P: Lieblingslied Records.
82 Min. Kloos ab 19.4.07

Dagegen in China

Von Thomas Warnecke Slacken in der verbotenen Stadt: Die Kamera heftet sich an die Fersen junger Punk- und Rockmusiker in Peking, begleitet sie zu Auftritten, beim Essen und Ausgehen, beim Schlendern durch Supermärkte und Shopping Malls und vor allem in ihre Wohnungen, wo die Musiker ihre LPs von Bowie bis Boy George präsentieren. Sind sie die tolerierten Ausnahmen von der totalitären Regel oder doch eher die Nachtschattengewächse der Marktliberalisierung? Von Zensur ist nie die Rede. Die Autoren kommentieren oder berichten nicht, beschränken sich aufs Filmen und stellen gelegentlich eine Frage. Den Sänger und Gitarristen von Sha Zi fragen sie auf dem Platz des Himmlischen Friedens, was er an diesem Ort empfinde. Da ist zunächst mal die freie Sicht, nirgendwo in Peking könne er so weit schauen, wenn auch manchmal zu viele Touristen hier seien. Als er auf die Geschichte des Platzes zu sprechen kommt – »big events have happened here, some good, some bad« – läuft er dicht an einem Polizisten vorbei.

Nirgendwo in Peking sei man sicherer als hier – weil nirgends so viele Ordnungshüter ihre Augen auf die Passanten richten. Als die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen wurde, waren die Protagonisten von Beijing Bubbles in der Pubertät; ihnen allen scheint eine tiefe Abneigung gegen jede Form von Autorität geblieben zu sein, und doch scheinen sie sich in Opposition vor allem zum neuen, marktwirtschaftlichen, erfolgsorientierten Lebensweg zu befinden. »Wir leben in einer Subkultur, auch wenn wir einen Plattenvertrag haben.« Die Eltern dagegen sind die wichtigste, oft einzige Stütze, was nicht so viel mit deren westlichen Pendants zu tun hat, die ihren kleinen Punker mit der Familienkutsche zum Gig fahren, sondern mit Miete und der Möglichkeit, sich gesellschaftlich, so weit es geht, ins Abseits zu stellen, ohne dabei zu verhungern. Armut und Verwahrlosung geraten immer wieder ins Blickfeld der Kamera, auch wenn sie sich fast ausschließlich auf die Protagonisten fokussiert, als – aus westlicher Sicht gesprochen – fast schon obligatorische Punk-Patina der abblätternden Tapeten und beschmierten Wände, aber mehr noch als Kehrseite des um sich greifenden Kapitalismus nach westlichem Vorbild. Wirklich sehenswert ist der Film, der sich ja vor allem für Musik interessiert, weil all das quasi beiläufig erzählt wird, als Hintergrund einer bohèmehaften Gelassenheit, weil die Protagonisten mit ihrem gegenwärtigen China nicht allzuviel zu tun haben wollen. Es dauert ein bißchen, bis sich der erwartungsgeladene, mit China-Halbwissen unterfütterte westliche Blick in Beijing Bubbles zurechtfindet und bereit ist für das, was wirklich zählt: das traditionelle Obertonsingen im Park zum Beispiel. Die Künstler in diesem Film repräsentieren eben vor allem das, was sie sein möchten. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #46.
© 2012, Schnitt Online

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