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Before Sunset

USA 2003. R,B: Richard Linklater. B: Julie Delpy, Ethan Hawke. K: Lee Daniel. S: Sandra Adair. M: Alex Wurman. P: Detour. D: Ethan Hawke, Julie Delpy, Vernon Dobtcheff, Louise Lemoine Torres u.a.
80 Min. Warner ab 17.6.04

Theorie des Teenietraums

Von Kyra Scheurer Nachdem 1995 Before Sunrise in die Kinos kam, trugen alle Mädchen T-Shirts unter Trägerkleidern und hofften, beim nächsten Interrailtrip Ethan Hawke zu treffen. Nun gibt es eine Fortsetzung – und alleine diese Tatsache, der Mut den durchaus gelungenen Schluß dieser redseligen Romanze einfach als Cliffhanger zu mißbrauchen, ist erschreckend oder auch bewundernswert zynisch.

Schon der Beginn von Before Sunset geht aufs Ganze und läßt Jesse, der seine Nacht mit Celine in Wien in einem Buch verarbeitet hat, die moderne Gretchenfrage stellen: Ob man glaubt, daß sich die beiden wie verabredet wiedergesehen haben, daran entscheidet sich seiner Meinung nach die Haltung zur Welt. Romantiker oder Zyniker? Hier ist der Zuschauer gefragt. Und der landet zwangsläufig, zumindest wenn man ähnlichen Alters ist wie die Hauptdarsteller, beim zeitlichen Vergleich und der eigenen Vita. Vor neun Jahren war man vielleicht ganz sicher, daß alles gut wird, heute lacht man abgeklärt über diese naive Vorstellung. Woher dann aber diese diffuse Furcht, Linklater könnte mit und in diesem Sequel »alles falsch machen«?

Um es vorwegzunehmen: Er macht, und das ist das Erstaunliche an diesem Film, so ziemlich alles richtig. Er läßt den Zuschauer die zentrale Frage selbst beantworten, hebt den einstigen Teenietraum in seiner Fortsetzung auf eine eher theoretische Ebene, ohne sich im reinen Thesenfilm zu verrennen, und läßt einen teilhaben an klugen Dialogen, kleinen Gesten voller Subtext und dem gespannten Warten auf erste Risse in den Fassaden der Figuren, die letztlich gleichbedeutend mit der Handlung sind. Zudem konzentriert und kondensiert der Regisseur Form (absolute Echtzeit) und Stimmungen sehr viel stärker als im ersten Film und kann so eine glaubhafte Leichtigkeit aus diesem charmanten Ausweichmanöver einer nicht allzu heilen Liebesgeschichte beziehen.

Gott sei Dank, auch Before Sunset verweigert sich also – abgesehen von den vielen postkartentauglichen Altstadtaufnahmen – den Konventionen des Mainstream-Kinos. Und er findet schon wieder das bestmögliche Ende. Das hier, weil ja doch Romantiker unter den Lesern sein könnten, auf keinen Fall verraten wird… 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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