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Bevor es Nacht wird

Before Night Falls. USA 2000. R,B: Julian Schnabel. B: Lázaro Gómez Carriles, Cunningham O'Keefe. K: Xavier Pérez Grobet, Guillermo Rosas. S: Michael Berenbaum. M: Carter Burwell. P: El Mar, Grandview. D: Javier Bardem, Olivier Martinez, Andrea Di Stefano, Johnny Depp u.a.
133 Min. Arsenal ab 29.1.04

Ruhende Rastlosigkeit

Von Frank Brenner Reinaldo Arenas führte ein rastloses, von seiner Kreativität angetriebenes, aber von den Restriktionen seiner Umgebung unterdrücktes Leben. Schon als Kind begann er, seiner Poesie Ausdruck zu verleihen, indem er in die Rinden der Bäume auf den Plantagen seines Großvaters Worte und Gedanken ritzte. Als sich Ende der 50er Jahre in seinem Heimatland Kuba die Revolutionäre um Fidel Castro an die Macht putschten, ging mit dieser politischen Rebellion zunächst auch eine sexuelle einher, die dem homosexuellen Schriftsteller die einzig unbeschwerte Zeit seines Lebens bescherte. Mit den sich ständig verschärfenden Auflagen Castros machten Arenas jedoch bald seine offen geäußerte Regierungskritik als auch seine sexuellen Vorlieben zu schaffen.

Julian Schnabels zweiter Film nach seiner Künstlerbiografie Basquiat beschäftigt sich wieder mit dem Leben eines Künstlers. Die Biografie Arenas hätte auch Stoff für gleich mehrere Filme geboten und dennoch hätte man diesen Film dem deutschen Kinozuschauer beinahe vorenthalten. Seit mehreren Jahren ist das Biopic auf den verschiedensten internationalen Filmfestivals gelaufen und hat bereits etliche Preise eingeheimst, u.a. den großen Jurypreis und den Darstellerpreis auf dem Filmfestival in Venedig. Javier Bardem erhielt darüber hinaus 2001 hierfür sogar eine Oscar-Nominierung.

Vielleicht scheute man sich zunächst, weil der Name Arenas dem deutschen Publikum wohl relativ unbekannt sein dürfte – nur drei seiner Bücher sind hierzulande lieferbar und das zum Teil auch erst aufgrund dieses Filmes. In Frankreich und spanischsprachigen Ländern sieht das ganz anders aus. Aber man muß den Autor und seine bewegende, mit 47 Jahren bereits beendete Lebensgeschichte nicht kennen, um Schnabels Film etwas abgewinnen zu können. Aufgrund der Vielzahl der wichtigen Ereignisse hetzt er zwar auf weite Strecken etwas zu schnell durch Arenas Biografie, nimmt sich dafür in den entscheidenden Momenten jedoch die benötigte Zeit und erzeugt somit ruhige Inseln in einem Meer der dramatischen Begebenheiten. Gerade in diesen gegen Ende häufiger auftretenden Szenen erreicht Schnabel durch seinen authentischen Inszenierungsstil einen geradezu dokumentarischen Charakter.

Bardem in der Rolle Reinaldos ist während des gesamten Films immer wieder als kommentierender Erzähler aus dem Off zu hören – in Zitaten aus der Autobiografie des kubanischen Romanciers. In diesen letzten Einstellungen beobachtet die Kamera dann aber den Schriftsteller in seinem New Yorker Exil, hält auf grobkörnigem Filmmaterial alltägliche Ereignisse fest und wirkt zumindest teilweise wie ein unauffälliger, fast zufälliger Zeuge der Geschehnisse. Man hätte sich wünschen können, vom Privatmenschen Arenas mehr zu erfahren, zumal sein langjähriger Weggefährte Lázaro Gómez Carriles als Berater für Produktion und Drehbuch zur Verfügung stand. Aber auch mit der weitgehenden Aussparung dieser Aspekte ist Schnabel dennoch ein faszinierendes Porträt des Schriftstellers und seiner politischen wie gesellschaftlichen Probleme gelungen, das auch auf deutschen Leinwänden ein Forum verdient hat. 1970-01-01 01:00
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