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A Beautiful Mind

USA 2001. R: Ron Howard. B: Akiva Goldsman. K: Roger Deakins. S: Mike Hill, Dan Hanley. M: James Horner. P: Dreamworks, Universal, Imagine Entertainment. D: Russell Crowe, Jennifer Connelly, Ed Harris, Christopher Plummer u.a.
135 Min. UIP ab 28.2.02

Genie und Wahnsinn

Von Holger Liepelt Muster im scheinbaren Chaos zu entdecken gehört bis heute zu den wichtigsten Forschungsbereichen. In allen Disziplinen wird nach Ordnungen gesucht. Nach welcher Ordnung verhalten sich chaotisch anmutende Fischschwärme? Strömungen? Wie formen sich Küsten?
John Nash ist ziemlich gut darin, Regelmäßigkeiten zu entdecken. Er entwickelt 1948 als Student der Princeton-Universität eine Theorie zu »Gleichgewichten in nicht-kooperativen Spielen«, die ihm einen lukrativen Posten in einem Labor, das dem Pentagon unterstellt ist, verschafft. Bis hierhin ist das Leben gut zu Nash, ab jetzt wird sein Leben selbst chaotisch.

Wie Nash in allem möglichen Dingen Muster wiedererkennt, gehört zu den wenigen inszenatorischen Highlights des Films. Da verbinden sich durch Glas gebrochene Lichtstrahlen und Zitronenhälften zum Muster einer Krawatte, endlose Zahlenkolonnen pulsieren leuchtend, erst viele arhythmisch, dann immer weniger, bis sich Sinn offenbart. Die Zahlenkolonnen sind codierte russische Nachrichten, die Nash knackt. Später soll er für eine Geheimtruppe der Regierung einen Code knacken, der sich in Artikeln verschiedener Tageszeitungen befindet. Er steigert sich derart in seine neue Aufgabe, daß man von anderer Seite auf ihn aufmerksam wird: Ein Psychologe nimmt sich seiner an und stellt Schizophrenie fest; Nash muß das, was er als sein Leben angesehen hat, neu zuordnen.

An dieser Stelle bekommt der Film das erste mal Fahrt. Es stellt sich ein sanfter Schauer ein, wenn deutlich wird, daß ein Großteil der Episoden aus Nashs Leben Einbildung waren. Bereitwillig glaubte man alles, was man bis dahin auf der Leinwand sah, da man ja weiß, daß ein Leben nachgestellt werden soll. Mit der größten Selbstverständlichkeit werden filmische Realität und Wahn nebeneinander gestellt, ohne Hinweise auf einen Bruch von Nashs Wahrnehmung. Es entsteht ein Gefühl dafür, wie sich die Krankheit unbemerkt einschleichen kann. Das beklemmende Ausmaß seiner Entfremdung vom tatsächlichen Leben zeigt sich, wenn Nashs Frau nach seiner Einweisung sein Büro betritt: Der ganze Raum ist mit Zeitungsausschnitten tapeziert, komplexe Muster von Linien dokumentieren den Versuch, Zusammenhänge herzustellen, wo keine sind.

Nachdem man die eigene Wahrnehmung neu geordnet hat, verzeiht man dem ersten Teil das eine oder andere Klischee, da sie aus Nashs Kopf stammen. Der Film ist an dieser Stelle interessant und spannend, gewinnt an Energie und Schwung. Gerüstet mit dem Wissen, daß John Nash mit seinem Verstand die Krankheit besiegt, schnallt man sich im Kinosessel an und erwartet einen »Kopfthriller«: Ein Mann kämpft verzweifelt für sich, um seine Realität wiederzufinden, und für den Zuschauer, damit dieser den Bildern wieder trauen kann.

Doch dieser Moment währt gar zu kurz, der Zuschauer wartet vergebens. Stattdessen folgt ein Melodram; eins, was von den ganz großen Emotionen erzählen will, um dann im Schmalz zu ersticken. Der Film scheut dabei keinerlei Platitüden: Die Entwicklungen der Figuren (Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit, Frust in der Ehe, der Kampf gegen die Krankheit) sind derart unoriginell motiviert und dargestellt, daß man das nach dem trägen ersten Teil kurz erwachte Interesse gleich wieder verliert. Russell Crowe und Jennifer Connelly lieben sich, und wahre Liebe kann natürlich alles, sie heilt auch Krankheiten. Das muß natürlich ausgerechnet bei der Oscar- äh: Nobelpreisverleihung der versammelten Öffentlichkeit kundgetan werden, die stellvertretend für das Publikum im Kinosaal steht, damit es auch einem jeden klar wird. Da helfen auch die Schauspieler nichts: Russell Crowe ist zwar präsent, doch ist sein Spiel eines Schizophrenen nicht nachvollziehbar: Willkürlich wechselt er von linkischer Mimik und Gestik à la Rain Man zu selbstbewußt- arrogantem Dozentengehabe und wieder zurück. Jennifer Connelly, ebenfalls oscarnominiert, ist nett, adrett und hauptsächlich unauffällig.

Die Geschichte, die hinter A Beautiful Mind steckt, ist an und für sich hochdramatisch. Nashs Charakter ist auch zweifelhafter (er verließ seine erste Frau und das gemeinsame Kind, bevor er die im Film dargestellte Liaison beginnt) und damit fast zwangsläufig interessanter. Was bleibt, ist die schon so oft gewonnene Erkenntnis, daß das Leben häufig spannender ist, als Hollywood uns das weismachen will. 1970-01-01 01:00
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