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Der bayerische Rebell

D 2003. R,B,S: Andi Stiglmayr. K: Axel Kindermann. M: Hans Söllner. P: Stiglmayr Filmproduktion. D: Hans Söllner, Gabi Benkert, Achim Bergmann, Peter Mühltaler, Jürgen Barto, Christoph Süß, Jürgen Arnold u.a.
92 Min. Neue Visionen ab 15.4.04.

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Von Frank Brenner Obwohl seine Lieder auf den diversen Radiostationen Deutschlands nicht gespielt werden und man ihn so gut wie nie im Fernsehen sieht, gehört Hans Söllner zu den erfolgreichsten Liedermachern dieses Landes. Mit seinem ersten Langfilm hat sich der Autodidakt Andi Stiglmayr diesem außergewöhnlichen Phänomen angenommen und gewährt seinen Zuschauern einen Einblick in das private Universum, das Denken und Arbeiten eines verfolgten Idealisten. Söllner ist in den Augen seines Anwaltes Jürgen Arnold einer der letzten Vertreter der wahren »Volksmusik«, da er sich mit den Problemen des Volkes beschäftigt und die Obrigkeiten in seinen Liedern kritisch hinterfragt und auf unverblümte Weise bloßstellt. Einen Anwalt hat der im bayerischen Bad Reichenhall wohnende Künstler bitter nötig, da er seit seinen Anfängen als provokativer Liedermacher vor rund zwanzig Jahren immer wieder mit den Gesetzeshütern in Konflikt geraten ist. Zweifellos wegen seiner Berühmtheit wurde Söllner 2002 zu der ungewöhnlich hohen Geldstrafe von 75.000 DM wegen »Ehrbeleidigung« verurteilt. Im bayerischen Freistaat hat man ein Problem mit Andersdenkenden, die sich das Recht nehmen, die Regierung und ihre Vertreter (insbesondere den bayerischen Innenminister Kurt Beckstein) zu kritisieren. Darüber hinaus setzt sich Söllner vehement für die Legalisierung der Droge Marihuana ein, was ihm nicht nur Freunde eingebracht hat.

Stiglmayr gelingt es, ein vielschichtiges Porträt Söllners zu entwerfen, ohne kommentierend in seine dokumentarischen Aufnahmen eingreifen zu müssen. Bilder von Konzertauftritten, Interviews mit dem Künstler selbst in seinem Haus und auf Tournee sowie Gespräche mit Befürwortern und Gegnern fügen sich zu einem stimmigen Ganzen. Das Joint-Rauchen sei für Söllner die Initiation gewesen, eine umfassendere Sicht der Welt zu erlangen und sich auch mehr um die Belange der Schwächsten stark zu machen. Der gläubige Söllner erklärt, daß das Rauchen für ihn eine Art Meditation darstellt, bei der er neue Kraft schöpft, um sich weiterhin als Sprachrohr der Unterdrückten engagieren zu können. Ein Sprachrohr freilich, das hierzulande auf zahlreichen und heftigen Widerstand stößt. Andi Stiglmayrs Film bietet nun die längst überfällige Möglichkeit, sich mit dem weitgehend aus der Öffentlichkeit verbannten Engagement Hans Söllners vertraut zu machen und eine faszinierende Persönlichkeit aus nächster Nähe kennen zu lernen. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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