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Battle in heaven

Batalla en el cielo. MEX/B/F/D 2004. R,B,S: Carlos Reygadas. K: Diego Martínez Vignatti. S: Adoracíon G. Elipe. M: John Tavener. P: Mantarraya, SPPF, Tarantula, arte. D: Marcos Hernández, Anapola Mushkadiz, Bertha Ruiz, David Bornstien u.a.
98 Min. Neue Visionen ab 20.7.06

Der innere Friede

Von Lina Dinkla Ein Film, der beim Erzählen seiner Geschichte mehr Fragen aufwirft als beantwortet, kann in manchen Momenten Ratlosigkeit, mitunter noch negativere Empfindungen auslösen. Doch stellt man sich als Zuschauer der Herausforderung, nicht alles erklären und verstehen zu können, Wendungen der Handlung und Entscheidungen der Figuren dem Unklaren zu belassen, so stellt sich im besten Fall ein innerer Friede ein, ähnlich dem beim geduldigen Betrachten abstrakter Gemälde. In diesem Fall ist es das neue Werk des Regisseurs Carlos Reygadas, das sich in die lange Reihe von Filmen gesellt, die gängige Sehgewohnheiten herausfordern. Die Themen, die Reygadas in Batalla en el cielo aufgreift, etwa die Rolle des Glaubens im alltäglichen Leben einfacher Menschen, beschäftigte ihn schon in seinem ersten Langfilm Japón. Ebenso wie Batalla en el cielo in diesem Jahr lief Japón im Jahr 2002 in Cannes, und auf beide Premieren folgte – irgendwie vorhersehbar – aufgrund der drastischen Bilder und expliziten Sexszenen eine mehr oder weniger aufgeregte Welle der Empörung.

Mit Batalla en el cielo entwickelt Reygadas seine Idee vom Filmemachen weiter und inszeniert in einer noch weiter reduzierten Weise mit ruhiger, fast statischer Hand. Er entfernt sich fast vollständig von Erzählkonventionen und bekannten Mustern der Dramaturgie und findet seinen ganz eigenen Weg, der Geschichte eines Mannes zu folgen, die durch die zurückgenommenen filmischen Mittel zu einer universalen wird. Eine Geschichte, die nicht unbedingt an ein Land oder eine Person gebunden sein muß. Umgesetzt wird dies mit einer sehr ruhigen, fast stoischen Kamera, die beharrlich auf den Körpern der Darsteller ruht, die Altersspuren und Lebensabdrücke in Gesichtern festhält und sich auch nicht von im gängigen Sinne unästhetischen Körpern abschrecken läßt, sondern diesen eine Schönheit per se zuspricht, die Reygadas tief humane Haltung erkennen läßt. Es überwiegen Einstellungen, die maximal zwischen Halbnah und Detailaufnahmen variieren, nur vereinzelt werden raumerklärende Schwenks eingesetzt. Die Kamera wandert mit den Blicken der Protagonisten und hält sich subjektiv an dem Gesehenen fest. Ein Gefühl der Intimität, aber zugleich auch der Unruhe und des Festgehaltenen stellt sich ein.

Die wenigen Ausnahmen der 360°-Fahrten und Totalen der mexikanischen Berglandschaft erzeugen eine ähnliche Stimmung, denn erstere bedeuten doch nichts weiter als ein Verharren am selben Ort, und letztere versprechen zwar Weite, Raum und Freiheit, doch ob dieses Versprechen eingelöst wird, bleibt unklar. Neben der reduzierten Bildkomposition lassen auch die minimalen Dialoge Vieles offen und gewähren Raum für eigene Assoziationen und Interpretationen.

In Japón stand ein Mann im Mittelpunkt, der in einem abgeschiedenen Dorf ankommt, um sich dort das Leben zu nehmen und dabei unbewußt in das Leben der Dorfbewohner eingreift. Und auch hier macht sich die männliche Hauptfigur auf den Weg, weil sie das Leben nicht mehr ertragen kann. Marcos und seine Frau haben ein Kind entführt, das ungewollt stirbt und das Leben der beiden, vor allem aber Marcos' Dasein, aus der Bahn wirft. Bevor er sich der Polizei stellt, will er Buße tun und begibt sich auf seinen persönlichen Pilgergang.

Reygadas zeichnet nach Japón auch mit Batalla en el cielo nicht zuletzt ein sehr eindringliches Bild der heutigen mexikanischen Gesellschaft, die erzkatholisch und ultramodern, zutiefst gläubig und scheinheilig, beklemmend tabubeladen und abstoßend freizügig gleichermaßen ist und an diesen Extremen zu zerbrechen droht. 1970-01-01 01:00

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