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Barracuda – Vorsicht Nachbar

Barracuda. F/D/B 1997. R,B,M: Philippe Haïm. B: Nicolas Lartigue, Patrick Olivier Meyer. K: Jean-Claude Thibaut. S: Magali Olivier. D: Jean Rochefort, Guillaume Canet, Claire Keim, Rose Thierry u.a.
94 Min. Salzgeber ab 18.3.99

Great dancers always smile

oder: Und Sie dachten, Ihre Nachbarn wären ein Horror

Von Nikolaj Nikitin Europäische Koproduktionen – oft bieten sie Anlaß zum Heulen. Da schließen sich mehrere Länder zusammen, zocken ohne Ende Fördergelder ab, vermischen die verschiedenen Stile und fabrizieren ein Konglomerat, das letzten Endes in keinem der Länder ins Kino gelangt. Ein Paradebeispiel für einen gelungenen Europudding (Frankreich, Deutschland & Belgien) bietet das grandiose Debüt des Franzosen Philippe Haïm, das in Zusammenarbeit mit dem Kölner Produzenten Peter Paulich (Gemini) entstand: Barracuda.

Seit Polanski gab es mit wenigen Ausnahmen keine gelungenen klaustrophobisch angespannten Kammerspiele mehr, die den Zuschauer bis ins Mark erschreckten. Mit Mieter und Ekel schien das Genre – eine Person ist in einer Wohnung gefangen und wird von inneren und äußeren Zwängen derart terrorisiert, daß kein Ausweg bleibt – perfektioniert zu sein. Da wurden zwar noch ab und zu Handlungen in enge Räume verlegt (von denen Schenkels Abwärts einen der ausgereiftesten Versuche darstellte), ansonsten bedienten sich die Regisseure ähnlicher Ausgangskonstellationen, ließen ihre Protagonisten solche Probleme eher mit Gewalt oder Humor lösen. Polanskis eigenes Spätwerk Der Tod und das Mädchen ist ein schwacher Abklatsch früherer Größe. Dabei sieht es bei Philippe Haïm so einfach aus:

Ein Klingeln im Dunkeln – plötzlich eröffnet uns ein Spion den seltenen Blick nach außen. Daraufhin wird das Interieur eines extravaganten Appartements gezeigt – Wohn- und Schlafzimmer, Bad, Küche, überall Bilder eines Steppenden. Schließlich eine Art Schrein mit Accessoires eines großen Tänzers. Vorspann – minimalistisch gehalten; weiß auf schwarz, unterlegt mit swingenden Varietéklängen.

Ein älterer Herr lernt gerade beim Frühstück mit Hilfe eines Tonbands Englisch: »Marmelade is good for breakfast«, während sein frisch eingezogener jugendlicher Nachbar den Aufzug verläßt und sich dabei eine Tauchermaske vom Kopf entfernt. Als Monsieur Clément den Kühlschrank öffnet und ihm ein warmes, jedoch unheimliches blaues Leuchten entgegenkommt, führt Luc ein heiteres Telefongespräch.

Von da an braucht der Film keine fünf Minuten, um ein Alptraumszenario zu entwerfen. Als Luc eine Einladung zum Abendessen mit Monsieur Clément und dessen Frau Violette vergißt, kommt es ihn teuer zu stehen. In die Wohnung gelockt und einer Pappmachébraut vorgestellt, wird ihm beim hastigen Verlassen eins übergebraten. Stunden später findet er sich angekettet im weiß gekachelten Badezimmer des Nachbarn wieder. Nun beginnt ein unvorstellbarer Alptraum. Clément scheint im wahrsten Sinne aller dieser beraubt zu sein. Er spricht mit einer Puppe, die er als seine Frau vorstellt, außerdem erscheint ihm das Ebenbild des großen Fred Astaire, das ihn zu weiteren Missetaten anstiftet. Zwar begibt sich Lucs schwangere Freundin auf die Suche nach ihm, und auch er selber bemüht sich des öfteren, dem Schreckenskabinett zu entkommen. Doch er scheitert immer wieder. Wobei die Fluchtaktionen nie glimpflich für Luc enden, da Clément keinen Spaß versteht, wenn seine fürsorgliche Gastfreundschaft nicht gewürdigt wird und so schon mal eine Gabel oder einen Feuerlöscher zweckentfremdet. Nachdem der weiße Raum gegen ein speziell für Luc hinter einer Bücherwand rot ausgepolstertes Verließ, in dem er wie ein Hund an eine Kette gebunden ist, eingetauscht wird, scheint jede Hoffnung verloren.

Virtuos konzentriert Haïm die Geschichte aufs Notwendige. Keine Dialogzeile und keine Einstellung ist überflüssig. Das brillante Kamerakonzept und die stringente Farbdramaturgie tragen viel zur grausamen Stimmung bei. Besonders der kleine rote Raum wirkt dank einer gezielten Ausleuchtung und den ausgefallenen Kamerawinkeln besonders bedrohlich. Verspielt, dabei jedoch nie grundlos, bietet der Film überaus dynamische Schnittfolgen, die unterlegt von einer akzentuierten Musik für den nötigen Thrill sorgen. So sehen wir plötzlich mit Lucs Augen die Welt verkehrt herum oder erleben einen raffinierten Perspektivwechsel, als seine Freundin uns von ihrer Suche nach ihm erzählt.

Ein ums andere Mal führt der Filmemacher aber auch den Zuschauer hinters Licht, als er Traum- oder Alptraumvorstellungen der Protagonisten für einige Sequenzen real erscheinen läßt. So glaubt sich Luc schon durch eine von ihm herbeigeführte Überschwemmung gerettet. Pustekuchen. Geschickt setzt Haïm auch die Tonebene ein und läßt den Betrachter mit Monsieur Clément Violettes grauenvolles Geschrei (!) noch intensiver erleben. Bereits die erste Bild- und Toninteraktion verweist auf die weitere Entwicklung. Doch all diese technischen Finessen wären nichts wert, ohne das überzeugende teuflisch-unschuldige Spiel des Grandseigneurs Jean Rochefort und seines verzweifelt talentierten Gegenüber Guillaume Canet.

Vor allem zitiert Haïm kunstvoll die Filmgeschichte, ohne dabei je plakativ oder pseudopostmodernistisch zu wirken. Ein bißchen Psycho, eine Prise Lynch, eine kleine Portion Poltergeist, aber auch Szenen, in denen Luc wie einst Gulliver von den Liliputanern gefangen ans Bett gefesselt ist. Mit sicherem Gespür setzt der Regisseur ein beklemmendes Bild zusammen und brilliert dabei, indem er – was im Kino der Neuzeit immer seltener vorkommt – keine Antworten oder banalen Erklärungen präsentiert. In keiner Szene verrät er die Motivationen von Cléments diabolischem Handeln. Lediglich einige oberflächliche Anspielungen thematisieren die Einsamkeit des Steptänzers: etwa als das Tonband die Frage stellt: »Do you have any friends?« oder als der Nachbar bereits am Anfang Luc gegenüber versichert, es würde ihn niemand finden, da keiner bei ihm nachschauen würde, es interessiere sich niemand für ihn.

Auf das weitere Treiben des Monsieur Haïm allerdings darf sehr interessiert gewartet werden. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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