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Der Barbier von Sibirien

Sibirskij tsiryulnik. RUS/F/CZ/I 1998. R,B,D: Nikita Mikhalkov. B: Rustam Ibragimbekov. K: Franco Di Giacomo, Pavel Lebeshev. S: Enzo Meniconi. M: Eduard Artemyev. P: Goskino u.a. D: Julia Ormond, Oleg Menshikov, Richard Harris, Aleksei Petrenko u.a.
177 Min. Arthaus ab 21.12.00
Von Carsten Tritt Es gibt Leute, die haben viel zu viel Zeit. Und weil sie nichts zu tun haben, vertreiben sie sich den Tag damit, Filme zu machen, die die Welt nicht braucht. Zum Beispiel gibt es da Nikita Mikhalkov. Der ehemalige Filmregisseur (Urga) präsentiert nun eine grausame, quälende Zelluloidverhunzung mit dem Titel Der Barbier von Sibirien. Das sei ihm ja auch noch gegönnt. Doch gefährlich wird es dann, wenn Herr Mikhalkov glaubt, Zuschauer in einen solchen Film locken zu müssen und drei Stunden (!) ihrer wertvollen Lebenszeit sinnlos zu verschwenden. Drei Stunden, in denen nichts irgendwie Interessantes passiert, außer vielleicht, daß der Ruf der russischen Filmindustrie endgültig ruiniert wird.

In der im ausgehenden 19. Jahrhundert spielenden Mischung aus Satireversuch und Liebesdrama geht es um eine von Julia Ormond gar nicht mal schlecht gespielte Amerikanerin, die im Auftrag von Richard Harris nach Moskau bestellt wird, um einen General zu becircen, die sich aber dann in einen jungen Kadetten (von Oleg Meshnikov etwas in Richtung »Mork vom Ork« angelegt) verguckt. Das alles in hübsche Kulissen gesetzt, mit völlig uninspirierten, fast schon peinlichen kulturellen und historischen Anspielungen versehen und eben endlos lang.

Es gibt, um ehrlich zu sein, einige, ganz seltene Momente, in denen Mikhalkov andeutet, daß er doch eine über dreißigjährige Erfahrung als Regisseur hat. Etwa, wenn Julia Ormond mit Mork vom Ork ins Bett steigen will, er sich aber ziert, weil er glaubt, sie liebe ihn nicht, ist dies in einer einzigen, minutenlangen, großartigen Einstellung festgehalten. Aber Mikhalkov schafft es dann auch ohne Probleme, diese wenigen positiven Augenblicke wieder kaputt zu machen, zumeist durch seine Unfähigkeit, Erzählebenen miteinander zu einer Einheit zu verknüpfen. Definitiv peinlich wird es in der letzten Dreiviertelstunde, wenn Mikhalkov bei seinem zweimaligen Versuch, dem Zuschauer zu erklären, daß es sich gerade um besonders dramatische Szenen handeln soll, die erbärmlichsten Zeitlupen seit Jahren benutzt. Wer dies gesehen hat, der hat das Grauen gesehen – und so vielleicht doch noch etwas aus dem Film nach Hause mitgenommen, wenn es auch nur eine Phobie vor überlangen Europudding-Liebesschnulzen sein mag. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #21.
© 2012, Schnitt Online

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