— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Balzac et la petite tailleuse chinoise. F/RC 2002. R,B: Dai Sijie. B: Nadine Perront. K: Jean Marie Dreujou. S: Julia Gregory. P: Les Films de la Suane, TF1 Films. D: Zhuo Xun, Chen Kun, Liu Ye u.a.
116 Min. Schwarz-Weiß ab 25.12.03

Éducation sentimantale à la Mao

Von Tamara Danicic An die zehn Jahre lang wurde unter Mao Chinas Kultur revolutioniert; im Auftrag des Großen Vorsitzenden fand eine »Berichtigung« des Denkens statt, die vor allem auch eigene Traditionen ebenso wie jede westliche Perspektive in Bausch und Bogen verdammte. Auf dem Land, fernab jeglicher Zivilisation, wurde die »Richtigstellung« einer als bürgerlich gebrandmarkten Geisteshaltung bei jungen Städtern vorgenommen. An die 20 Millionen Chinesen mußten sich solch einer Umerziehung unterziehen.

Nach rund 30 Jahren holt der in Frankreich lebende Filmemacher Dai Sijie – selbst ehemaliges Opfer der maoistischen Gehirnwäsche – in Balzac und die kleine chinesische Schneiderin zur teilweise autobiographischen Gegenrede aus; erst in Form eines 2000 erschienenen Romans, nun mittels der gleichnamigen Verfilmung. Daß die chinesischen Behörden nach einigem Gezerre zwar die Drehgenehmigung erteilt, dafür aber sowohl Buch als auch Film in China verboten haben, sei nur am Rande erwähnt.

Nach Abschluß der Oberschule werden Ma und Luo, beide als Söhne aus Intellektuellenfamilien geächtet, 1971 in ein abgeschiedenes Bergdorf in den Phönix-des-Himmels-Bergen geschickt. Ihre Chancen, der ländlich-rückschrittlichen Umgebung zu entkommen, sind verschwindend gering. Das einzig wirksame Gegengift gegen die Indoktrinierung scheint zum einen die Liebe zur Enkelin des Schneiders aus dem Nachbardorf zu sein, zum anderen die Lektüre gestohlener Bücher westlicher Autoren.

Wer hier ein politisch-kämpferisches Manifest oder eine Abrechnung mit der ideologischen Verblendung revolutionärer Bauern erwartet, irrt. Natürlich läßt sich das staatlich propagierte Weltbild als Folie nicht ausblenden, auch bedürfen die verbotenen Früchte Balzacs, Dostojewskis, Flauberts & Co. des offiziellen Diskurses, um ihren Sog auf die Protagonisten überhaupt erst entfalten zu können. Doch treten der Dorfvorsteher sowie alle anderen Vertreter des Systems lediglich als wenig nuanciert gezeichnete Funktionsträger in Erscheinung. Sie zu überlisten, bereitet zwar Vergnügen, wird jedoch als nicht sonderlich schwieriges Unterfangen präsentiert. So wird eine von Ma gespielte Mozart-Sonate einfach kurzerhand in »Mozart ist in seinen Gedanken immer beim Großen Vorsitzenden Mao« umbenannt. Auch spürt man wenig von der Fremdheit des Landlebens oder den Strapazen knochenharter körperlicher Arbeit.

Dai Sijie geht es indes in erster Linie um die romantisch aufgeladene Liebe. Um die Liebe zum Wort und vor allem um die Liebe der beiden Jugendlichen zur namenlos bleibenden kleinen Schneiderin. Literatur wird dabei zum Vehikel, damit Eros sich manifestieren kann. Wenngleich immer wieder ironische Brechungen aufscheinen und der Geschichte so eine gewisse Leichtigkeit verleihen, wird der schwärmerische Grundton dennoch niemals in Frage gestellt. Vielmehr kreisen die Gefühle der beiden Freunde – die merkwürdigerweise in keinem Moment die Freundschaft zu gefährden scheinen – um sich selbst, während das Objekt der Begierde zunehmend zur reinen Projektionsfläche stilisiert wird. Als Luo der wißbegierigen jungen Berglerin Balzacs Kategorien des Wilden (der nur Empfindungen kennt) und des Zivilisierten (der sich darüberhinaus durch Ratio auszeichnet) erklärt, ahnt er nicht, daß die kleine Schneiderin diese Ratio einmal gegen ihn verwenden wird – indem sie sich für ein selbstbestimmtes Leben entscheidet.

Spätestens jetzt wird klar, daß die Furcht des totalitären Staates vor einer Emanzipation seiner Bürger in der Liebesgeschichte gedoppelt wird. Ebenso wie seine Figuren Luo und Ma sträubt sich auch der filmische Erzähler dagegen, die kleine Schneiderin in die Emanzipation zu entlassen, indem der in die Gegenwart verlängerte Epilog eine sentimentale Erinnerungslandschaft aufruft, ein verlorenes Paradies, in dem die Schöne für immer gefangen bleibt. Leider wird aber aus diesem Reich nicht zuletzt die spielerische Ironie verbannt, die den Film über weite Strecken vor dem Romantik-Kitsch rettet. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap