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Ballets Russes

USA 2004. R,B,S: Dayna Goldfine, Daniel Geller. B: Gary Weimberg, Celeste Schaefer Snyder. K: Daniel Geller. S: Gary Weimberg. M: Todd Boekelheide, David Conte. P: Geller, Goldfine.
120 Min. MFA ab 5.4.07

Bewegte Zeiten

Von Robert Alexander Gather »It is the nature of dance to exist for but a moment. Yet once there was something called the Ballet Russes …« Diese Sätze aus dem Off zu Beginn klingen nicht zufällig wie die Wendung am Anfang eines Märchens: Schließlich geht es im Folgenden um eine Ballettcompagnie, die bereits Legende war, noch während sie Geschichte schrieb. Allerdings handelt es sich bei dem Film Ballets Russes um alles andere als ein Märchen.

Während der Tanzfilm und der Tanz als filmisches Sujet ebenso wie der Dokumentarfilm im Kino sich (wieder) zunehmender Beliebtheit erfreut, setzen Goldfine und Geller Maßstäbe für beide. Präzise historische Recherche, ein hochsensibler Umgang mit den Künstlern und dem Archivmaterial und ein untrügliches Gespür für die Verwobenheit und wechselseitige Bedingtheit von 'Geschichte' und (Lebens-)Geschichten, gekoppelt mit raffinierten und doch nie die Objektivität der Fakten über die Gebühr ausdeutenden dramaturgischen Spannungsbögen, machen Ballets Russes vor allem zu einem: der Dokumentation als großem Kino. Für den Kenner irritierend, setzt der Film ausgerechnet mit dem Tod des Gründers der Ballets Russes, Serge Dhiagilev, 1929 ein, um mit der Auflösung der ersten Ballets Russes zu beginnen und dann die Geschichte der Gründung der Ballets Russes de Monte Carlo 1931, ihre Aufspaltung in zwei konkurrierende Compagnien, ihre Glanzzeiten und ihren Niedergang bis hin zum endgültigen Ende der Original Ballets Russes 1962 zu erzählen. Diese eher ungewöhnliche Zäsur ist jedoch einer denkbar einfachen Tatsache geschuldet: Mit Dame Alicia Markova (mit über 90 eine der beeindruckensten Erscheinungen der Dokumentation) verstarb 2004 das letzte noch lebende Mitglied von Diaghilevs Ballets Russes.

Und gerade die Konfrontation des – teils spektakulären – historischen Archivmaterials mit den noch lebenden Tänzern und Tänzerinnen und ihren heutigen Berufen und Lebensumständen macht den unwiderstehlichen Reiz dieses Films aus. Denn – wie nebenbei – dokumentiert dieser Film neben Intrigen, Glamour, Verzweiflung und Armut, rasanten Karrieren und ebenso schnellen Abstürzen, noch etwas anderes: Die Möglichkeit eines Alterns in Würde in der Welt des Balletts, in der Jugend und Schönheit die Voraussetzungen für eine oft flüchtige Karriere auf der Bühne sind. Für den Tanzliebhaber schon auf Grund der Fülle an Informationen und normalerweise schwer zugänglichen Materialien ein absolutes Muss, steht die ›Welt der Ballets Russes‹, wie sie hier gezeigt wird, jedem offen. Teils spannend wie ein Thriller, emotional, glamourös und doch mit kritischen Zwischentönen, ist Ballets Russes einer der bewegensten Dokumentationen bewegter Zeiten – ein Blick in die Geschichte, der die Gegenwart ergreift: »What appeared to be fleeting could perhaps be passed on …..« 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #46.
© 2012, Schnitt Online

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