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Baby

D 2002. R: Philipp Stölzl. B: Wolfgang Kohlhaase. K: Michael Mieke. S: Sven Budelmann. M: Ingo Frenzel. P: DoRo Fiction, IdtV Film, Gemini Film. D: Alice Dwyer, Filip Peeters, Lars Rudolph, Martha Cope u.a.
104 Min. Kinostar ab 26.2.04

Schwerelose Tristesse

Von Dietrich Brüggemann Ein Vater bewohnt mit seiner Tochter und seinem besten Freund eine Wohnung im wahrscheinlich häßlichsten Haus Europas. Die dazugehörigen Frauen sind vor Jahren bei einem Autounfall gleichzeitig ums Leben gekommen. Seitdem kümmern die zwei Männer sich tagsüber gemeinsam um die inzwischen 15jährige Lilli und arbeiten nachts als Barmann und Türsteher in einem Rotlichtlokal.

Diese nicht unbedingt naheliegende Konstellation dient als Ausgangspunkt für einen Film, der auf angenehme Weise anders ist als das, was man sonst so sieht.

Philipp Stölzl wurde bekannt mit den frühen Rammstein-Videos, drehte Clips für Madonna und Garbage und zahlreiche Werbespots. Baby ist sein Kinodebüt, und es paßt in keine Schublade – weder deutscher Independent-Nachwuchsfilm, da sind die Schauspieler zu unangestrengt gut, auch kein internationales Festival-Kunstkino, dafür ist die Story zu beiläufig erzählt, die Ästhetik von zu lässiger Stringenz. Schon gar nicht sieht Baby aus wie der typische, hektische, inhaltslose Erstling eines Werbefilmers.

Stölzl verwandelt das Drehbuch von Defa-Veteran Wolfgang Kohlhaase und David Hamblyn in einen höchst eigensinnigen Autorenfilm, der trotz der Tristesse von Ort und Handlung mit seltsamer Leichtigkeit dahinschwebt. Ihm gelingt eine Atmosphäre der Schwerelosigkeit, wie sie im deutschen Film zuletzt allenfalls mal versucht worden ist, er kann besser mit Filmmusik umgehen als eigentlich jeder andere hierzulande, und er führt seine Darsteller mit sicherer Hand durch eine verschlungene Handlung.

Der Belgier Filip Peeters spielt den cholerischen Vater mit beängstigender Präsenz, Alice Dwyer erweist sich als Entdeckung, nur Lars Rudolph erscheint mit seiner kauzigen Physiognomie und seiner Teenagerstimme wie ein entschärfter Wiedergänger jener Freaks, die er sonst immer spielen darf. Doch darüber läßt sich hinwegsehen, wichtiger ist die Freude über einen interessanten Film mit einer ungewöhnlichen Geschichte, die man genausogut zum aufdringlichen Sozialpädagogendrama oder aufgeblasenen Kopf-Kunst-Film hätte machen können. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #33.
© 2012, Schnitt Online

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