— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Babel

USA 2006. R: Alejandro González Iñárritu. B: Guillermo Arriaga. K: Rodrigo Prieto. S: Stephen Mirrione, Douglas Crise. M: Gustavo Santaolalla. P: Anonymous Content, Central Films u.a. D: Brad Pitt, Cate Blanchett, Gael García Bernal, Adriana Barraza, Kôji Yakusho u.a.
142 Min. Tobis ab 21.12.06

Gottes Strafe

Von Maike Schmidt Als der Turm zu Babel in sich zusammenbrach, gab es für die Menschen keine Sprache mehr, die sie gemeinsam teilen konnten. Mit Worten verstand man sich nicht mehr, Kommunikation ließ keine Beziehungen mehr zu, denn es gab sie nicht mehr. Die Strafe Gottes.

Jahrtausende später haben die Menschen es immer noch nicht geschafft, die ihnen auferlegte Bürde zu besiegen und einen Weg zu finden, sich wieder per Sprache anzunähern. Im Gegenteil, immer mehr nur durchbricht der Versuch zur Kommunikation Barrieren, was aber keine Brücken erzeugt, sondern nur haltlose Zerstörung bringt. Worte sind nur mehr leere Hüllen, die niemanden führen und kein Zusammen ermöglichen.

Dies legt Iñárritu in seinem Film so fest, und daher heißt dieser Film Babel. Er erzählt drei Geschichten. Geschichten, die mal mehr, mal weniger lose miteinander zu tun haben, sich aufeinander beziehen, Aktionen initiieren, die über die Welt verstreut Ereignisse auslösen, denen sich die Protagonisten nicht entziehen können. Ihre Handlungen legen Grundsteine, die jedem Einzelnen Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten auferlegen, mit dem Ziel unterzugehen – so wollte es Gott, so will es Iñárritu. Hilflos wie seine Figuren sich durch die Situationen kämpfen, folgt er ihnen, ist nah bei ihnen, ohne eingreifen zu können. Dies wird besonders drastisch in der Geschichte des mexikanischen Kindermädchens – aber von vorne.

Ein reicher Japaner reist nach Marokko. Seine Frau hat sich gerade umgebracht, und zur Ablenkung will er in diesem fremden Land zur Jagd gehen. Aus Dankbarkeit schenkt er seinem Reiseführer, einem armen Einheimischen, sein teures Gewehr. Dieser soll es ein paar Wochen später an einen befreundeten Nachbarn verkaufen. Dessen Söhne erlauben sich ein paar heimliche Schießübungen, wobei eine amerikanische Touristin schwer verletzt wird. Sie und ihr Mann machen hier Urlaub, um wieder zueinanderzufinden, was nicht gelingen mag und was durch den Unfall eine andere Dimension anzunehmen scheint. In einem kleinen Dorf von der Reisegruppe zurückgelassen und auf den Krankenwagen wartend, kämpft sie um ihr Leben und er mit seiner Hilflosigkeit. Zuhause in den USA paßt das mexikanische Kindermädchen auf die Kinder der beiden auf, trotz baldiger Hochzeit ihres Sohnes in Mexiko, die sie schließlich und endlich nicht verpassen will und zu der sie kurzerhand die Kleinen einfach mitnimmt. Ihr Rückweg wird zum Horrortrip, in einer Welt, die traumatisiert und repressiv eigenen Gesetzen folgt und in der Menschlichkeit, im Sinne eines kommunikativen Miteinander, keinen Stellenwert mehr hat. Am Ende streift sie in flirrender Hitze, vor Durst und Angst heulend durch die erbarmungslose Wüste Mexikos auf der Suche nach den Kindern. Eine bedrückende Szene, der sich Iñárritu nicht entziehen möchte und mit ihr durch Staub und Felsen stolpert – hilflos und ohne die Möglichkeit, etwas gegen ihr Leid zu tun. Dies ist die wohl stärkste Szene, in der der Regisseur seine Fähigkeit zu emotionalen Tiefschlägen wieder zu beweisen sucht. Es mag funktionieren, aber nicht für den gesamten Film.

Die Struktur »Babels« erinnert sofort und unwiederbringlich an seinen Vorgänger 21 Gramm: Ineinander verwobene Geschichten, die in Kompilation zueinander eine eigene Kraft entwickeln, in der menschliche Realität auf ihren ärgsten Prüfstein gelegt wird. Dies setzt sich mit Babel fort, was in manchen Momenten etwas müde wirkt, sowohl in Bezug auf Struktur, als auch in Bezug auf den Inhalt, indem wieder mal der gar schrecklichen Welt, in der wir leben müssen, die schlimmsten Situationen genommen werden. Am Ende ist man desillusioniert, ein bißchen hoffnungslos und ebenfalls ganz schön müde. Dies Kino lastet schwer auf einem. Zu schwer. Zwar ist es bemerkenswert, mit welcher Konsequenz sich Iñárritu seinen Geschichten aussetzt, doch geschieht dies in diesem Fall mehr als ungefiltert, wird dies oft eher kalkulierte Inszenierungsweise, denn rauschhafter Trip, den man seinen 21 Gramm noch zugestehen kann. In der Wiederholung liegt hier keine Kraft, und wo dem Menschen die Worte fehlen, fehlen hier dem Regisseur zündende Ideen. Das mag man nicht gerne verzeihen – schon gar nicht ob der Welt, in der wir leben. 1970-01-01 01:00

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap