— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Baader

D 2002. R,B: Christopher Roth. B: Moritz von Uslar. K: Bella Halben, Jutta Pohlmann. S: Barbara Gies. P: 72film. D: Frank Giering, Laura Tonke, Vadim Glowna, Birge Schade, Michael Sideris, Jana Pallaske u.a.
109 Min. Prokino ab 17.10.02

Mythos als Lektion

Von Oliver Baumgarten »Den Mythos kriegt man nur kaputt, indem man eine eigene Wirklichkeit schafft«, sagt Moritz von Uslar, Koautor von Baader, und kann seinen eigenen Film doch kaum gemeint haben. Denn die fiktionalisierte Wirklichkeit des Films, in dem Historisches mit Erdachtem auffällig vermischt wird, zerstört keinen Mythos, sondern verstärkt ihn.

Baader gibt keine Antworten, sondern Möglichkeiten vor, seine Figuren erhalten moderne Züge, sein Held wird am Ende im Stile eines Sam Peckinpah erschossen – quasi als Märtyrer des eigenen Drehbuchs – und die Worte aus dem Munde der Figuren sind ehrfürchtig inszeniert wie Originaltext in einer klassischen Aufführung von »Hamlet«. Natürlich ist Baader ein Mythos, das war er schon, als sein Fahndungsfoto noch die Pinnwand eines jeden Postamtes zierte, und das ist er heute mehr denn je, gereift durch seinen knapp 30 Jahre dauernden amtlichen Wandel zur Persona non grata erster Güte und als von Stefan Aust in Stein gehauener abenteuerlicher Revolutionär. Christopher Roth verstärkt den Mythos, weil er Baader zur Projektionsfläche für die Sinnsuche aller nach `68 Geborener macht, weil er ihre Unfähigkeit zur Konsequenz die absolute Konsequenz seiner Filmfigur gegenüberstellt und weil er diesen gewaltigen Unterschied durch moderne Popgesten hinter dem Rücken der Zuschauer wieder nivelliert.

Dadurch, daß Christopher Roth klar wie nie zuvor seiner Generation das Mythische an Andreas Baader und der RAF vor Augen führt, gerät sein Film zu einer anschaulichen Lektion. Allein die allzu undurchschaubare Verquickung von Dichtung und Wahrheit, deren Sinn für die Geschichte sich nur mit Mühe erschließen läßt, plüstert sich zu unnötiger Verquasung auf. Formal bewegt sich Roth auf nicht übertrieben gewagtem Gelände, bleibt mit Einstellung und Erzählung dicht bei den Figuren und unterlegt das flotte, aber nicht treibende Tempo der Bilder mit einer Reihe zeitgenössischer Songs. Seine besten Momente erlebt der Film in seiner mehrfach kultivierten Ästhetisierung des Rauchens, in Einstellungen also, die dem Tabakkonsum wieder jene verruchten und coolen Attribute zuschreibt, für die wir einst das Rauchen anfingen. Frank Giering dürfte für Roths Baader-Interpretation die perfekte Besetzung sein. Die latente Aggression und sein mürrisches Tun wider die Langeweile und die – O-Ton – »Fotzenlogik« seiner Mitstreiter setzt er in idealer Mischung aus 68er Verve und modernem Szenengehabe um. Zusammen mit Laura Tonke, deren Gudrun Ensslin meisterlich zwischen der Hörigkeit Baader gegenüber und einer harten Autorität innerhalb der Gruppe angelegt ist, bildet er eine gute Entsprechung zum Vorhaben Roths.

Viele Deutsche haben es nach dem Krieg nicht zum Mythos gebracht. Andreas Baader und die RAF aber schon. Dank Christopher Roths Film ist dies jetzt visuell beglaubigt. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap