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Auto Focus

USA 2002. R: Paul Schrader. B: Michael Gerbosi. K: Fred Murphy. S: Kristina Boden. M: Angelo Badalamenti. P: Propaganda Films, Good Machine. D: Greg Kinnear, Willem Dafoe, Rita Wilson, Maria Bello u.a.
107 Min. Columbia ab 26.6.03

Grapefruitsaft und Gruppensex

Von Daniel Bickermann Bob ist ein normaler Mann. Er hat eine Frau und drei Kinder, trägt blaue Strickpullis, und auf Parties trinkt er Grapefruitsaft. Gut, er hat ein paar Pornohefte in der Garage, und er reißt gerne Mädchen in einem Striplokal auf. Deswegen hat Bob bald eine Scheidung am Hals und dafür eine junge Hippie-Braut an der Seite, die mit ihm eine offene Ehe führen will. Aber in den späten 60ern, in denen er lebt, scheint auch dieses Schicksal nicht wirklich spektakulär.

Doch Bob hat außergewöhnliche Probleme. Eines davon ist, daß er berühmt ist. Er spielt die Hauptrolle in einer erfolgreichen Sitcom und wird anschließend zu harmlosen Disney-Komödien durchgereicht. Daß er aus dieser Position heraus nicht allen Bekannten seine Fotoalben mit den Nacktaufnahmen seiner jüngsten Eroberungen zeigen sollte, das will ihm einfach nicht in den Kopf. Das ist noch so eins von Bobs Probleme: Er versteht einfach nicht, was man an Sex anstößig finden kann. Ist doch nur Sex. Einmal beschwert er sich: »Ich rauche nicht, ich trinke nicht…«, dann zögert er kurz, bevor er anfügt: »Naja, zwei von dreien, ist doch keine schlechte Quote.«

Regisseur Schrader bleibt für dieses Sujet erstaunlich harmlos in seinen Bildern, er ist im Gegensatz zu seinem Protagonisten nicht am Exzeß interessiert. Stattdessen entwirft er ein immer dezent bleibendes Psychogramm eines Mannes in den Händen der Obsession, eine Vorliebe Schraders nicht erst seit seinen Drehbüchern zu Taxi Driver und Light Sleeper. Die Manischen haben es ihm angetan, die Süchtigen, die über ihre Sucht reflektieren.

Denn Bobs größtes Problem ist, daß er nicht aufhören kann. Nicht aufhören will. Anstatt sich einige Jahre lang auszuleben und dann mit der Hippie-Braut seßhaft zu werden, rutscht er genüßlich immer weiter in die Abwärtsspirale der Perversion. Von gelegentlichen One-Night-Stands mit Stripperinnen ist es nur ein kleiner Schritt zu allabendlichen Gruppensexorgien, die man auf Video aufzeichnet.

Schraders wichtigster Vorzug dabei ist, daß er sich konsequent jeglicher Beurteilung enthält. In einem Film wie diesem, der sich so leicht der Sensation und Empörung hingeben könnte, ist das eine herausragende Tugend. Auf diese Weise wirft der Film Fragen auf, die lange nachhallen. Da ist beispielsweise der Moment, als Bobs Doppelleben zu offensichtlich wird und er eine Entscheidung treffen muß – und Bob entscheidet sich kurzerhand für sein geheimes Sexleben und wirft dafür seine Karriere hin. Schrader überläßt es dem Zuschauer, über diesen Entschluß zu richten. Ist Bob unglaublich mutig oder unglaublich dumm? Vielleicht beides.

Bob Crane, einer der schwierigsten Protagonisten der letzten Zeit, wird von dem genial besetzten Saubermann Greg Kinnear mit liebevoller Hingabe gespielt. John Carpenter, sein einziger Freund und Komplize auf den nächtlichen Streifzügen nach Frauen, wird von Willem Dafoe in der üblichen schmierig-charmanten Weise gegeben. Zusammen gelingt es ihnen, noch einen weiteren glaubhaften Aspekt zum Katalog der Abhängigkeiten hinzuzufügen. Denn die beiden Männer, so wenig sie sich eigentlich leiden können, brauchen einander. Carpenter hält Crane für einen egomanen Schnösel, aber ohne die Attraktivität des Stars kriegt er keine nackten Frauen in sein Wohnzimmer. Crane verachtet Carpenters Bisexualität und Unsicherheit – aber Carpenter ist Videotechniker und seine Hilfe unerläßlich. Zusammen fühlen sie sich pudelwohl in ihrer kleinen Welt der Heimvideo-Pornographie. Einer Welt, in der man gemeinsam vor dem Fernseher masturbiert und einen Glastisch besitzt, der wie eine kniende Domina geformt ist.

Daß Auto Focus dramaturgisch etwas uneben wirkt, hängt wohl mit den Beschaffenheiten der Filmbiographie zusammen. Schließlich war Bob Crane eine reale Figur, und das Leben folgt nun mal keiner logischen Struktur. Es setzt seine Höhepunkte an ungewöhnlichen Stellen. Bobs Versuch eines Comebacks beispielsweise kommt ungefähr 15 Jahre zu spät und wirkt entsprechend erbärmlich. Und seine Konfrontationen mit Carpenter scheinen recht harmlos – bis einer plötzlich tot ist. So findet ein sehenswerter Film und ein faszinierendes Leben ein abruptes, außergewöhnliches Ende. Aber vielleicht war Bob Crane ohnehin kein gewöhnlicher Mann. 1970-01-01 01:00

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