— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Auszeit

L'Emploi du temps. F 2001. R,B: Laurent Cantet. B,S: Robin Campillo. K: Pierre Milon. M: Jocelyn Pook. P: Haut et Court. D: Aurélien Recoing, Karin Viard, Serge Livrozet, Jean-Pierre Mangeot, Monique Mangeot u.a.
128 Min. Alamode ab 10.10.02

Zum Wohle der Familie

Von Jutta Klocke Die Problematik der modernen Leistungsgesellschaft, den Wert des Individuums auf seinen beruflichen Status zu reduzieren, hat schon so manchen Schriftsteller zu Glanzleistungen geführt. Arthur Miller brachte Willy Loman auf die Bühne, David Mamet sein abgehalftertes Trüppchen von Immobilienmaklern in »Glengary Glenn Ross«. Und stets lag der Konflikt in den Protagonisten selbst begründet, die sich einerseits sträuben, ausschließlich über ihren Job definiert zu werden, die aber andererseits sich selbst ebenfalls nur über ihre berufliche Position identifizieren können.

Vincent ist auch so einer, eine Art französisches Pendant zu Millers »common man«. Anders als Willy aber, der trotz aller Demütigungen weiterhin versucht, in seinem Job zu funktionieren, hat Vincent den ersten Schritt in die Offensive gewagt und es bis zur Kündigung kommen lassen. Von dem ihn einengenden System kann er sich dann aber doch nicht lösen. Statt seine Sehnsüchte auszuleben, erfindet er eine neue, angesehenere Stellung, um sein Umfeld zu beeindrucken.

Vincents Auszeit erweist sich bald als aufreibender als der öde Arbeitsalltag zuvor. Und daß sein Lügengebäude auf äußerst wackeligen Beinen steht, ist nicht nur dem Zuschauer, sondern auch ihm selbst von Anfang an klar. Aurélien Recoing vermag die Verzweiflung dieses Träumers so glaubhaft zu vermitteln, daß man ihm vom Kinosessel aus fast Lösungsvorschläge für die ausweglose Situation entgegenrufen möchte. Eine solche Haltung können wir uns leisten, weil wir trotz aller Anteilnahme distanziert bleiben. Zwar verharrt die Kamera die meiste Zeit nah vor Vincents Gesicht, so daß die innere Zerrissenheit stets physisch erkennbar ist. Dennoch bleibt der Mann isoliert, wirkt so verloren in den Fluren einer renommierten Firma, daß deren Sicherheitsdienst ihn des Platzes verweist.

Das gemeinsame Wissen um Vincents Lügenkonstrukt und dessen Ausweglosigkeit macht den Protagonisten und den Zuschauer zu Komplizen, die am Ende in ihre Schranken verwiesen werden. Vincent kehrt schließlich resignierend in sein altes Leben zurück. Mit diesem Entschluß gerät er wieder in Willy Lomans Nähe, denn wie dessen Selbstmord ist auch Vincents Rückkehr eine Art Selbstaufgabe, ein Opferungsakt zum Wohle der Familie. Und der Zuschauer muß erkennen, daß all die zuvor gedachten Ratschläge zu dem letztendlich eintretenden Schluß geführt hätten, daß aber diese Wiedereingliederung in das System keineswegs als Happy End zu werten ist. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #28.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap