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Ausgemustert

Les déclassés D/F 1999. R,B: Tony Baillargeat. K: Guillaume Adrey. S: Frank-Olivier Chalard. M: Philippe Rigal u.a. P: Osiris. D: Philippe Pillon, Tony Baillargeat, Enrico Mattaroccia u.a.
117 Min. MOP ab 11.1.01

Tage schwärzer als die Nacht

Von Torsten Neumann »Gegensätze lassen die Welt sich drehen«, ist die lapidare Antwort von Franck, als Nico angewidert von dessen kaltblütiger Mordlust und den folgenden feingeistigen Ausführungen feststellt, daß seine Worte hell wie die Sonne strahlen, aber seine Taten nach Scheiße riechen. Gegensätze sind es auch, mit denen Tony Baillargeat sein Regiedebüt zu einer wahren Tour de Force macht, die den Zuschauer auf eine gefährliche Gratwanderung der Emotionen schickt.

Seine Helden sind verlorene Drifter in der Pariser Banlieue, gefangen im Sog der Unterwelt und ihrem moralischen Ehrenkodex aus Freundschaft, Familie und Loyalität. Gedanken bewegen sich zwischen Baudelaire, Rimbaud und Johnny Halliday, zwischen romantischer Todessehnsucht und dem Gesetz der Straße.

Nico arbeitet für den Gangsterboß Le Normand und muß sich zwischen Familie und Unterwelt aufreiben. Seine Liebe und seine Fürsorge projiziert er mit penibler Besessenheit auf seinen jüngeren Bruder Eric, der sich in Isabelle verliebt, ein Mädchen aus guter Gesellschaft. Als Nico und Isabelle ihre großen Gefühle für einander entdekken, gerät die fragile Balance zwischen Vertrauen, Schuld und Verzweiflung in eine fatale Schieflage.

Eine klassische Konstellation des Gangsterfilms, aus der Scorsese in Mean Streets eine Liebeserklärung an seinen Stadtteil Little Italy gemacht hat. Tony Baillargeats unter die Haut gehender Film entwirft daraus die Essenz des französischen Gangsterfilms. Während die deutschen Genreversuche der letzten Jahre mit ermüdender Konstanz am Versuch scheitern, den Tarantino-Touch zu kopieren oder allenfalls noch den (Über-)Mut besitzen, sich mit den Coen Brüdern vergleichen zu lassen, bewegt sich Ausgemustert mit traumwandlerischer Sicherheit und kraftvoller Bildsprache zwischen Anklängen an Carnés Quai des brumes bis zu Taxi Driver. In Nicos stoischer Mine verbindet sich die Todessehnsucht aus Gabins Gangsterfiguren des poetischen Realismus mit Keitels und de Niros Suche nach Erlösung aus Scorseses frühen Filmen. Vorbilder werden intelligent weiterentwickelt und in einen explosiven Kontext aus Liebe, Sozialdrama, Rassismus und Gewalt gestellt.

Die Bedrohung durch den selbstverliebt philosophierenden Gangsterboß Le Normand ist so unmittelbar, daß es schwerfällt, sich der bizarren Faszination dieses zwischen unerwartetem Gefühlsreichtum und Gewalttätigkeit schwankenden Gewaltfaschisten zu entziehen. »Ich liebe es«, ruft er mit Blick hinauf zum Himmel, nachdem er genußvoll Thor und Odin beschwörend einen seiner Abtrünnigen zu Tode malträtiert hat, »ich liebe es, das Große mit dem Kleinen zu konfrontieren – und mich als Herr der Mitte darin zu finden.« Und Regisseur Baillargeat umrahmt diese schmerzhafte Szene mit der zärtlich aufblühenden Romanze zwischen Nico und Isabelle. Das Himmlische trifft auf das Irdische, die Vereinigung der größten Gegensätze. Mit der Eleganz eines elegischen Totentanzes läßt Baillargeat Momente tiefer Emotionen auf Momente von fast unerträglicher Gewalt prallen, um mit sicherem Gespür für die kleinsten Gesten seine Inszenierung in eine scheinbar vollkommene Balance zu bringen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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