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Aus Liebe zum Volk

Pour l'amour du peuple. D/F 2004. R,B: Eyal Sivan, Audrey Maurion. B: Aurélie Tyszblatt, Cornelia Klauss. K: Peter Badel. S: Audrey Maurion. M: Christian Steyer, Nicolas Becker. P: zero film, Arcapix.
88 Min. Piffl ab 22.4.04

Den Feind im Visier

Von Christoph Pasour Wenn vergessen wird, gerät die Welt aus den Fugen. 1990 gibt es die DDR nicht mehr, und Stasi Offizier S. würde sagen, daß es die Ideale waren, die vom Volk einfach verraten und vergessen wurden. Das Volk stürmt die Stasi-Zentrale, und S. akzeptiert die Niederlage seines Systems. Sein eigenes Leben jedoch darf kein gänzliches Scheitern gewesen sein, schließlich geht es darum, daß er morgen derselbe ist wie heute, es geht um Identität. Das Handeln muß sinnvoll und richtig gewesen sein. »Der Gedanke, daß alles umsonst gewesen sein soll, ist kaum zu ertragen«, sagt er an einer Stelle im Film Aus Liebe zum Volk. Die beiden französischen Dokumentarfilmer Eyal Sivan und Audrey Maurion haben die 1990 aufgezeichneten und publizierten Erinnerungen des Stasi Offiziers S. zur Grundlage ihres Filmes gemacht.

Man würde dem Film unrecht tun und den Zuschauer auf die falsche Fährte führen, wollte man Aus Liebe zum Volk als Dokumentarfilm bezeichnen. Keine Enthüllungen, die sich im Kampf um die Aufarbeitung eines heiklen Kapitels deutscher Geschichte politisch verwerten ließen. Ein Filmemacher hierzulande käme bei diesem Thema ohne politischen Standpunkt ins Stolpern. Sivan und Maurion jedoch wagen einen Essayfilm, man denkt an Chris Marker – ein offenes filmisches System, das assoziativ arbeitet und sich Reflektionen in ästhetischer, psychologischer und politischer Hinsicht öffnet.

Die Kamera streunt durch die Gänge eines leeren Gebäudes bis zu einem Büro, vielleicht das ehemalige Büro von S. Grelle Tapeten, die unverwüstliche Büropflanze, eine Uniform. Perfekt hindrapiert, künstlich und makellos stilecht rekonstruiert. Ein Puppentheater bürokratischer Pedanterie. S. sagt: »Die Seele der Akte ist die exakte Dokumentation.« Und obwohl man zehntausende von Informationen über fast alles und jeden hatte, habe man die Lage nicht richtig eingeschätzt und sei schlußendlich von der Entwicklung überrascht worden. Natürlich konnte die Welt von diesem Puppentheater aus nur fremd sein: »In den Kneipen beginnt der Prozeß der Zersetzung«. Schon nach ein, zwei Bieren lande das System im Mülleimer, und dem war S. auf der Spur. Die Paranoia lag in der Logik des Überwachungsapparates. Die Verantwortung für »Staat«, »Partei«, »Volk« und »Sozialismus« lastete auf S., eine gewaltige und anmaßende Bürde, die eines ermöglicht: die eigene Identität mit dem Machtapparat gleichzusetzen, das Handeln in bürokratisch geordnete Einzelaktionen zu zerlegen, um die Konsequenzen stets außerhalb des Wahrnehmungshorizontes zu halten. Eine Spur bei der Ursachenforschung bürokratischer Verbrechen, die Sivan und Maurion schon bei ihrem Film über Adolf Eichmann, Un Spécialiste, erforscht haben.

Wie Sivan und Maurion S. über sein Leben erzählen lassen, über die Gleichgültigkeit des Volkes, zu verteidigende Ideale, eigene Fehltritte und Bewährungen, verleiht ihm exemplarischen Charakter. Daß S. wohl eine reale Person ist, spielt daher keine große Rolle. Er taucht im Film nicht auf und ist über das Voice Over, von Axel Prahl gesprochen, präsent. Aber man sucht nach Analogien und Illustrationen seiner Erzählungen in den Bildern. Archivmaterial von Verhören, Demonstrationen und Observationen von Verdächtigen auf den Straßen. Bilder, die aus dem Kontext gelöst sind und über Inhalt, Verwendung und Ursprung weitgehend im Unklaren lassen. Das rauhe Bildmaterial will vom Zuschauer in einen Zusammenhang gefügt werden und weist ihn immer wieder zurück. Das allerdings ist kein rein bildtheoretischer Diskurs, sondern bezieht den historischen Kontext mit ein – das »Alles-sehen-heißt-alles-wissen« als Illusion; unzählige Informationen haben und doch überrascht zu werden, wie Stasi-Offizier S.

Wenn der Film mit seinem Titel Aus Liebe zum Volk eröffnet und dabei unzählige Überwachungsmonitore einer heutigen Polizeizentrale zeigt, wird diese Illusion bereits zu Anfang aus dem historischen Kontext der DDR-Geschichte mit Sarkasmus in unsere Gegenwart übertragen. Anscheinend ist die Liebe zum Volk nie größer gewesen als seit dem 11. September. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

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