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Aus der Tiefe des Raumes

D 2004. R,B: Gil Mehmert. K: Bella Halben. S: Bernd Schegel. M: Axel Haas, Stefan Noelle. P: schlicht und ergreifend. D: Arndt Schwering-Sohnrey, Eckhard Preuß, Jürgen Tonkel, Mira Bartuschek u.a.
88 Min. timebandits ab 16.12.04

Tipp-Kick als Analogie

Von Thomas Warnecke Tipp-Kick ist die pure Analogie: Der Finger des Spielers wird übersetzt in das Spielbein des Miniaturkickers. Analog verfährt auch Aus der Tiefe des Raumes: Der Großmeister des Standfußballs, der Zelebrant des ruhenden Balls Günter Netzer ist in Gil Mehmerts Film ein im Chemikalienbad zum Leben und zur Lebensgröße mutiertes Tipp-Kick-Männchen.

Tipp-Kick, das kleinere Parallel-Universum des größeren Parallel-Universums Fußball, angesiedelt an einem Parallel-Niederrhein der Parallel-60er, zu sehen im Parallel-Universum Kino – wie verhält sich da der Kritiker, der sich gerne in jeder der nostalgischen Einstellungen aufgehalten hat? Der die Karriere des mit handlackierter 10 versehenen Kickers bis in die Bezirksauswahl Niederrhein verfolgt wie ein Aufstiegsmatch seiner Heimmannschaft und gleichzeitig etwas traurig darüber ist, daß für die bezaubernde Mira Bartuschek im Große-Jungs-Universum auf Dauer einfach kein Platz ist? Eben, er macht es genau wie der Film, läßt der dem Fußballfan eigenen Analogiebildungslust freien Lauf und konstatiert, daß in allen Bereichen vor und hinter der Kamera eine hoffnungsvolle Fohlentruppe zusammengefunden hat, die den Spielaufbau etwas pomadig, aber nicht ohne eine gewisse Eleganz und mit zahlreichen Kabinettstückchen versehen angeht und am Ende einen verdienten Sieg über Bio-Pic-Psychologie, Helden-Epik und aufgeblähtes Pathos à la Das Wunder von Bern einfährt.

Der Nummer 10 dieses Films sollten wie demjenigen, den sie verkörpert, noch größere Aufgaben im deutschen Lichtspiel übertragen werden: Zusammen mit dem Regisseur hat nämlich, wie schon beim genialen Doppelpack, Eckhard Preuß als Ideengeber für Aus der Tiefe des Raumes fungiert. Aber, um's Phrasenschwein vollzumachen: Auch wenn es dem Film um ein Denkmal für den größten deutschen Spielmacher geht, der Star ist die Mannschaft. Wie von einem Mann geschaffen nämlich, wie aus einem Guß sieht der Film aus, jede der lakonischen Einstellungen von Bella Halben auf Höhe des Spielgeschehens – und klingt er, dank Axel Haas' und Stefan Noelles kräftig Zeitkolorit verbreitenden Scores. Scorer-Qualitäten hatte ja auch Günter Netzer, und ein Scorer-Punkt geht auch an die Produktionsfirma. Deren Name nämlich ist wie alle Fußballweisheit und wie dieser Film: schlicht und ergreifend. »Delling«: 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #36.
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