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Der Aufstand der Fischer

SU 1934. R: Erwin Piscator. B: G. Grebner. K: P. Jermolow, M. Kirillow. M: F. Sabo, N. Cemberdzi, V. Fere. P: Meshrabpom. D: N. Gladkow, Alexey Dikij, V. Janukowa, S. Martinson u.a.
88 Min. Neue Visionen ab 1.3.01

Seit’ an Seit’

Von Mark Stöhr Ähnlich wie in Sergei Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin das Signal des Panzerkreuzers Aurora den Beginn der revolutionären Aufstände in St. Petersburg ankündigte, sind es auch in Der Aufstand der Fischer von Erwin Piscator Schiffssirenen, die den Streik marodierender Matrosen auf einem Fischtrawler einleiten. Dem zuvor demonstriert ein furioses Stakkato schneller Schnitte und Einstellungen das unmenschliche Arbeitstempo an Bord und den Mangel an Arbeitskräften, das in einer plötzlichen Detailaufnahme der verletzten Hand eines Matrosen abbricht. Dieser »Montage der Attraktionen« folgt wenig später der Einsatz des Chores, ganz im Sinne seiner Verwendung im antiken Drama: resümierend, analysierend, ein Kommentar von außen und Appell zugleich – »Vier Mann gehören ans Netz / Vier und keiner weniger…Streik, Streik! / Das ist unsere Kampfparole«.

Der Aufruf zum Streik wird, obwohl ihnen ein korrupter Reeder mit der verlogenen Aussicht auf höhere Fanglöhne lange Zeit und mit einigem Erfolg die Ohren zu verstopfen versucht, auch zu den Fischern von St. Barbara dringen und sie sich am Ende des Films erheben lassen. Da sind dann endlich die Reihen der roten Einheitsfront geschlossen, die proletarische Avantgarde der Matrosenschaft Seit' an Seit' mit den Kleinbürgern vom Fischerdorf, leicht abseits die Sozialdemokraten mit ihrer beständigen Neigung zum obrigkeitshörigen Streikbruch. Nur der Nazi muß draußen bleiben, dessen bourgeoiser Frack und Zwicker nicht so recht zu seinen Blut- und Boden-Tiraden passen wollen – ein Hinweis auf die vierjährige Drehzeit des Films, der nach der zwischenzeitlichen Machtergreifung durch die NSDAP neben seiner antikapitalistischen Propaganda noch den Kampf gegen Hitler zum Ziel erhob.

Erwin Piscator, der Theaterrevolutionär der 20er Jahre, der dem Theater als einer der ersten durch den gezielten Einsatz von Filmprojektionen eine »vierte Dimension« gab, beweist sein Innovationspotential auch auf der Filmbühne. Den Montage-Kanon der Sowjet-Schule einerseits virtuos beherrschend und ihn zugleich des öfteren überschreitend, löst er die Kamera aus ihrer bis dahin statischen Ausrichtung, bewegt sie in raumgreifenden Schwenks und ausgedehnten Fahrten oder plaziert sie in verschrägter Haltung. Durch diese Mobilität und die mit ihr einhergehenden längeren Einstellungen gewinnt nicht nur der filmische Raum an Plastizität und Tiefe und vergrößert sich das Spektrum an Stimmungsfeldern, sondern wird auch eine ungenierte Emotionalisierung forciert, die bisweilen das Melodramatische nicht scheut. Vielleicht ist es diese antiakademische Effektorientierung, die den Theaterregisseur Piscator von Brecht und den Filmemacher Piscator von Eisenstein unterscheidet – dem Zuschauer soll's jedenfalls recht sein. Der Aufstand der Fischer kommt nun in einer restaurierten, zwar nicht vollständigen, aber bislang längsten Fassung zur Wiederaufführung. 1970-01-01 01:00
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