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Audition

Odishon. J 1999. R: Takashi Miike. B: Daisuke Tengan. K: Hideo Yamamoto. S: Yasushi Shimamura. M: Koji Endo. P: Omega Project. D: Ryo Ishibashi, Eihe Shiina, Myuki Matsuda, Renji Ishibashi u.a.
115 Min. REM ab 25.1.01

Dead or Alive

Hanzaisha. J 1999. R: Takashi Miike. B: Ryu Ichiro. K: Hideo Yamamoto. S: Taiji Shimamura. P: Daiei Co. D: Show Aikawa, Hitoshi Ozawa, Riki Takeuchi u.a.
105 Min. REM ab 25.1.01

Hart besaitet

Von Andreas Ungerböck Immer noch ist der 40jährige Japaner Takashi Miike bei uns ein unbeschriebenes Blatt, obwohl er mittlerweile rund dreißig Filme gedreht hat und bei Festivals herumgereicht wird. Daß ihm in Rotterdam im Vorjahr der Kritikerpreis für Audition überreicht wurde, ist überraschend, denn der Film ist wahrlich nicht unbedingt das, was die internationale Kritikervereinigung normalerweise auszeichnet.

Aoyama, ein reicher Geschäftsmann, sucht eine neue Freundin. Unter dem Vorwand, ein Casting zu veranstalten, lockt sein Freund, ein Fernsehproduzent, allerlei attraktive Kandidatinnen an, darunter die schöne Asami, die Aoyama wie die perfekte Verkörperung seiner Vorstellungen erscheint. Schon bald aber muß er erkennen, daß er sich mit der Beziehung zu der jungen Frau etwas zugemutet hat, was ihm über den Kopf wächst.

Takashi Miike gehört nicht der intellektuellen Fraktion japanischer Filmemacher an (Nobuhiro Suwa, Shinji Aoyama, Kiyoshi Kurosawa, Naomi Kawase), die derzeit international ebenfalls für Furore sorgt, er ist viel eher an der drastischen Gewalt und recht handfesten Komik Takeshi Kitanos orientiert. Er hat eine geradezu klassische japanische Regisseurskarriere hinter sich: Nach dem Filmstudium an der Akademie in Yokohama drehte er fünf Jahre lang Direct-to-Video-B-Movies, ehe er 1995 seinen ersten Kinofilm Shinjuku Triad Society fertig stellen konnte. Aus diesen seinen Lehrjahren stammt seine unglaubliche Ökonomie, sein präziser Einsatz der vorhandenen Mittel. Nur so ist es auch möglich, vier bis fünf Filme jährlich zu drehen – eine Parallele zum Werdegang anderer vor allem von Festivals bekannter Regisseure wie Takahisa Zeze und Hisayasu Sato. Und Miike hat gelernt, in allen Genres zu arbeiten, vom Soft-Porno bis zur Teenie-Komödie, wenngleich die Yakuza-Filme in seinem Schaffen eindeutig überwiegen.

Audition ist da für ihn wohl eine willkommene Abwechslung, ein unterkühltes, düsteres psychologisches Kammerspiel, in dem er seine Obsession für Sex und Gewalt auf die Spitze treibt. Das hervorragende Drehbuch stammt von Daisuke Tengan, der nach einigen vielversprechenden Regieversuchen (z.B. Muteki no handikappu, 1994) nur noch als Autor tätig ist, u.a. bei Shohei Imamuras Cannes-Sieger von 1997, Unagi (s. Schnitt Nr. 9). Die literarische Vorlage lieferte der Schriftsteller/ Regisseur Ryu Murakami, dessen eher plakativer Sexfilm Tokyo Decadence/Topaz (1991) auch bei uns in die Kinos kam. In Audition geht Miike in vieler Hinsicht an die Grenzen des Darstellbaren, die Mischung aus gebannter Faszination und Abscheu, die der Film bei fast allen Zuschauern hervorruft, zeigt nur, wie clever Miike kalkuliert hat und wie effektvoll er das Grauen (mehr sollte man gar nicht verraten) umsetzt.

Dead or Alive ist vordergründig einfacher gestrickt, wenngleich nicht weniger plastisch: Miike hat Ryu Ichiros eher konventionelle Geschichte um Ryuichi, einen Yakuza, der versucht, die Unterwelt aufzumischen, nicht nur mit einer der irrwitzigsten Anfangssequenzen der Filmgeschichte angereichert, sondern auch mit allerlei bizarren Einfällen - darunter ein gigantomanisches Schlußduell zwischen Ryuichi und Jojima, einem desillusionierten Polizisten, wie man ihn auch aus den Filmen Kitanos kennt. Dazwischen liegen 100 Minuten wildgewordener Edel-Trash (wunderbar gefilmt vom Hana-Bi-Kameramann Hideo Yamamoto). Kein Genrebaustein bleibt auf dem anderen, und Miike frönt seiner Lust an der Übertreibung – so auch in seinem Frauenbild, das irgendwo in der frühen Steinzeit angesiedelt zu sein scheint, in Wahrheit aber wohl nur das des Yakuza-Films im Allgemeinen auf die Spitze treibt. Man wird weiter von Takashi Miike hören: Allein 2000 hat er drei Filme fertiggestellt, in Toshiyuki Mizutanis Isola: Multiple Personality Girl ist er erstmals als Schauspieler zu sehen. 1970-01-01 01:00

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